Tag 3: Der Strippenzieher und die Kirche
Pressekonferenz mit Außenminister Filip Ivanović.
Mein dritter Tag beinhaltete einen kleinen Exkurs und ich konnte an dem Programm einer Pressereise der Europäischen Union zu den Beitrittsverhandlungen teilnehmen. Auch hier wurden im „Cyber Capacity Centre“ von Montenegro die Verflechtungen der Regierung mit Serbien, Russland und der Einfluss der Serbisch-Orthodoxen Kirche thematisiert. Und das an einem bedeutungsschweren Tag: Im Parlament wurde über die Absetzung des Parlamentspräsidenten Andrija Mandić abgestimmt. Anlass war eine Beileidsbekundung zum Tod des verurteilten serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladić. Aus nicht-Regierungskreisen wird ihm mehr politische Macht zugesprochen als dem Premierminister und dem Präsidenten. Die Abstimmung endete mit 41 zu 37 Stimmen zu seinen Gunsten. Er sei der größte „Strippenzieher“ des Landes. Außenminister Filip Ivanović teilt die Sorgen mancher NGOs über den Einfluss Serbiens auf die montenegrinische Politik im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt nicht: „For me this is pure fiction.“
Am Abend traf ich den Priester Gojko Perović, einen engen Vertrauten von Metropolit Joanikije. In serbischen Medien wurde er häufig als „Gotteslästerer“, „Spion“ oder „Verräter“ diffamiert. Das liege laut montenegrinischen Journalisten daran, dass er und Joanikije sich immer wieder kritisch gegenüber dem serbischen Politiker Aleksander Vučić sowie positiv gegenüber dem EU-Beitritt geäußert hätten. Deshalb habe die Serbische-Orthodoxe Kirche letztes Jahr von Belgrad aus, erstmals in der Geschichte Montenegros, einen zweiten Metropoliten installiert: Metodije Ostojić. Er und seine ihm nahestehenden Priester geben keine Medien-Interviews.
Priester Gojko Perović.
An dieser Stelle könnte man sich fragen, warum die geistlichen Personalentscheidungen für das Land oder für die EU wichtig sind. Allerdings wird die Serbisch-Orthodoxe Kirche aus nicht-Regierungskreisen als wichtigster politischer Player eingeschätzt. Zwar hat sie keinen direkten Einfluss auf die Gesetzgebung, doch gegen die Kirche zu arbeiten, kann schlecht enden. Das musste auch die Partei des Langzeitpräsidenten Milo Djukanović, die Demokratische Partei der Sozialisten (DPS), am eigenen Leib erfahren. Ende 2019 versuchte die Regierung ein neues Religionsgesetz durchzubringen, das einen Teil der Kirchen-Grundstücke verstaatlicht hätte. Jeder dritte Montenegriner - mehr als 200.000 Menschen - protestierte daraufhin über Wochen hinweg auf der Straße. Der damalige Metropolit Amfilohije Radović griff aktiv ein und empfahl den Gläubigen, bei den anstehenden Wahlen gegen die DPS zu stimmen. Mit Erfolg: Nach 30 Jahren an der Macht wurde die Partei von Djukanović 2020 nicht wieder gewählt.
Gojko Perović ist stolz darauf: Erstmals in der Geschichte Montenegros sei ein politischer Machtwechsel ohne Gewalt geschehen. Ihren Einfluss würden sie wieder nutzen, wenn sie müssten. Insbesondere dann, wenn die Politik wieder versuche, Einfluss auf die Kirche zu gewinnen oder deren Eigentumsverhältnisse oder Strukturen zu verändern.