Tag 1: Angekommen in Athen – was steckt hinter den guten Zahlen?

Straßenszene im Athener Viertel Exarchia. Foto: Sheima Lababidi

Während der griechischen Wirtschaftskrise verließen Hunderttausende Menschen das Land. Viele von ihnen waren jung und gut ausgebildet und suchten anderswo in Europa nach besseren beruflichen Perspektiven. Der sogenannte „Brain Drain“ wurde zum Sinnbild für eine Generation, die ihre Zukunft nicht mehr in Griechenland sah.

Mehr als ein Jahrzehnt später hat sich die wirtschaftliche Lage des Landes deutlich verändert. Wie sehr dieser Aufschwung aber auch im Leben junger Menschen angekommen ist, möchte ich in den kommenden Tagen vor Ort herausfinden.

Heute bin ich dafür – mit knapp zwei Stunden Verspätung – in Athen angekommen. Die Hauptstadt selbst ist ein interessanter Schauplatz für diese Frage: Sie ist das Zentrum der griechischen Start-up-Szene, zieht TouristInnen aus aller Welt an und verändert sich sichtbar.

2025 wuchs Griechenlands Wirtschaft um 2,1 Prozent und damit stärker als die Wirtschaft der EU insgesamt mit 1,5 Prozent. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit, die während der Krise zeitweise bei über 27 Prozent lag, massiv zurückgegangen. 2025 lag sie bei 8,9 Prozent. 2025 flossen mehr als 730 Millionen Euro in griechische Start-ups. Und auch der Tourismus legte weiter zu: 2025 kamen 6,4 Prozent mehr internationale Reisende nach Griechenland als im Vorjahr.

Doch hinter den positiven Zahlen zeigt sich ein komplexeres Bild. Griechenland hatte 2025 noch immer die dritthöchste Arbeitslosenquote der EU. Gerade beim Einstieg ins Berufsleben fällt eine Zahl besonders auf: Nur 62,4 Prozent der sogenannten „recent graduates“ waren 2025 beschäftigt – der niedrigste Wert in der gesamten EU. Im europäischen Durchschnitt waren es 83 Prozent.*

Das Leben in Athen ist teurer geworden. Steigende Wohnkosten, Kurzzeitvermietungen und die touristische Nutzung zentraler Viertel haben Diskussionen darüber ausgelöst, für wen die Stadt leistbar ist und wie sie sich durch den Aufschwung verändert.

Wie spürt man diesen wirtschaftlichen Aufschwung tatsächlich, wenn man jung ist und in Athen lebt?

Einen ersten, zugegeben wenig wissenschaftlichen Eindruck vom Preisniveau habe ich jedenfalls schon bekommen: vier Euro für meinen ersten griechischen Kaffee.

Griechisch, wohlgemerkt, nicht türkisch. Dass sich die beiden verdächtig ähnlichsehen, behalte ich für meinen ersten Nachmittag in Athen lieber für mich.

Viel Zeit zum Ankommen bleibt ohnehin nicht. Am Montag und Dienstag treffe ich ÖkonomInnen, UnternehmerInnen und RückkehrerInnen. Ihnen möchte ich die Zahlen gegenüberstellen – aber auch die Eindrücke junger Menschen, die ich bis dahin hoffentlich gesammelt haben werde.

Deshalb geht es heute erst einmal auf die Straße. Mein erstes Ziel ist Exarchia, eines der bekanntesten alternativen Viertel Athens. Rund um den Exarchia Square und die Valtetsiou Street prägen Bars und Cafés, Buchhandlungen, Street Art und politische Subkultur das Straßenbild.

Hier möchte ich heute Abend mit jungen AthenerInnen sprechen und ein erstes Gefühl für ihre Lebensrealität bekommen: Spüren sie etwas vom wirtschaftlichen Aufschwung? Können sie sich ein eigenständiges Leben in Athen leisten? Und denken sie darüber nach, Griechenland zu verlassen?

*Als „recent graduates“ zählt Eurostat 20- bis 34-Jährige, die ihre höchste Ausbildung ein bis drei Jahre zuvor abgeschlossen haben, mindestens einen Abschluss der oberen Sekundarstufe besitzen und sich zum Zeitpunkt der Erhebung nicht mehr in Aus- oder Weiterbildung befinden.

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Kann Athen seine junge Generation zurückgewinnen?