Tag 1: “In uns fließt serbisches Blut”
Montenegro ist nach Kosovo der jüngste Staat in Europa. Erst 2006 erlangte es durch ein Referendum die Unabhängigkeit von Serbien. Nach wie vor großen Einfluss hat jedoch die Serbisch-Orthodoxe Kirche. Fast 70 Prozent der Montengriner gehören dieser Glaubensgemeinschaft. Sie gilt als EU kritisch: Die Geistlichen haben gute Verbindungen nach Belgrad und Moskau.
Nikola gehört der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Montenegro an.
Mein erster Tag in Podgorica beginnt früh. Die größte serbisch-orthodoxe Kirche “hram Hristovog Vaskrsenja” der Hauptstadt feiert den 13. Jahrestag ihrer Weihe. Aus diesem Anlass predigt heute der Metropolit der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Montenegro, Joanikije. Die Kirche ist voll: Ich stehe Schulter an Schulter mit den anderen Besuchern, sogar draußen stehen Menschen. Joanikije ist medienscheu, dafür treffe ich nach der Messe eine Linguistik-Studentin: “Für mich bedeutet der Glaube und die Kirche leben. Ohne dem Glaube könnte ich nicht leben.” Die Studentin ist in Montenegro geboren, fühlt sich jedoch mehr als Serbin. Deswegen will sie auch anonym bleiben, für ihr Zugehörigkeitsgefühl wurde sie schon angefeindet. Auch der pensionierte Ingenieur Nikola fühlt sich dem Land seiner Kirche näher: “In mir fließt serbisches Blut.” Einen EU-Beitritt wünscht er sich nicht, zu viele neue Gesetze und Richtlinien. Mehr Nähe würde er sich zu Russland wünschen, mit dem Montenegro historisch und kulturell näher sei.
Morgen, wenn der Trubel um Metropolit Joanikije, vorbei ist, werde ich noch einmal die Kirche besuchen, um mit den Priestern über ihre Einstellung zum EU-Beitritt zu sprechen.