Tag 2: Hunde, Katzen & Protest
Student*innen an der Uni hatten uns verraten, dass abends noch ein Protest stattfindet. Also machten wir uns gestern noch auf den Weg zum Tašmajdan.
Alena: ’’Hier sind aber viele Kinder mit ihren Eltern auf diesem Protest?”
Simon: ’’Stimmt, ungewöhnlich – ich dachte es sind vorwiegend Student*innen.’’
Alena: ’’Lass uns die drei mal ansprechen’’
Am Rand des Protests, zwischen geparkten Autos und streunenden Katzen, sitzen drei junge Frauen auf der Bordsteinkante und rauchen. Sie freuen sich, als wir erzählen, dass wir aus Wien kommen, in den Sommerferien waren sie dort auf Urlaub.
Katze am Rande des Protests
Teodora: “It’s a pretty city. Belgrade could look like Vienna if there hadn’t been so much war. And if the government wouldn’t fuck us over all the time.”
Alena: “Would you say that the student protests politicised you?”
Teodora: “If you grow up as a young person in Serbia, there is no way to avoid politics. So no, I have always been political.”
Sie erzählen uns, dass hier gegen die Entlassung von sieben regierungskritischen Lehrer*innen protestiert wird; die drei sind selbst ehemalige Schüler*innen des fünften Gymnasiums in Belgrad. Die SNS-nahe Direktorin hatte die Lehrer*innen entlassen und andere unter Druck gesetzt, worauf diese zusammen mit Schüler*innen die Schule besetzten. Es geht den Menschen um Diskriminierungsfreiheit an Schulen, sie haben es satt, den Mund halten zu müssen, um ihren Job zu bewahren. Aber da ist auch der Wunsch nach einem freien Bildungssystem, in dem Schüler*innen lernen können, kritisch zu denken und politische Systeme zu hinterfragen. Auch bei dieser Schulbesetzung greift, wie überall sonst auch, die Polizei ein und löst die Blockade.
Teodora und ihre Freundinnen
Teodora und ihre Freund*innen sind wütend und hören nicht auf zu erzählen. Sie studieren Biologie und Biochemie und sind von Anfang an bei den Protesten dabei. Während wir reden, wird der Himmel blau, dann schwarz, immer wieder wird die nächste Zigarette angezündet. Am Ende unseres Gesprächs ist der Protest vorbei und Theodora tippt ihre Handynummer in unser Smartphone. Wir werden sie am Wochenende noch einmal für ein längeres Interview treffen. Was wir aber jetzt schon spüren: Die Student*innen sind wütend, hoffnungsvoll und gut gelaunt, auch nach 10 Monaten noch und trotz der Gewalt, die sie erfahren.
Am nächsten Tag haben wir unser erstes Interview:
Borko: ’’Wuff, Wuff.’’
Simon: ’’Was für ein süßer Hund.’’
Sofija: ’’Er ist süß, aber ein bisschen auch ein Idiot.’’
Borko
Wenn Borko gestreichelt werden will, legt er seinen Kopf auf Sofijas Knie. Sofija Todorović, von den Medien “Serbienhasserin” genannt, hat nicht nur einen sehr süßen Hund, sondern ist auch bei der Initiative Junge Menschen für Menschenrechte aktiv. Sie setzen sich in Serbien und der ganzen Region für Frauenrechte, Bekämpfung von Nationalismus und ein Miteinander ein. Sofija hat vor zehn Jahren mit Aktivismus angefangen. Damals noch, um auf fehlende Aufklärung der unzähligen Femizide aufmerksam zu machen, heute um alles, was in diesem, laut ihr kaputten, Land schiefläuft. Das gefällt nicht nur den Medien nicht, sondern auch nicht der Regierung, die sie schon 12-mal an Grenzübergängen festgehalten hat, ihr droht und Köpfe von toten Tieren zusendet. Die perfekte Interviewpartnerin, um uns über die Methoden des Regimes aufzuklären…