Tag 3: “Präsident Vučić zeigt es seinen Hatern’’

Marko: Hier, nehmt noch einen Helm. Und die Maske, falls sie Rauchbomben werfen.

Simon: Brauchen wir das wirklich alles? 

Marko: Ja, zur Sicherheit haben wir das immer dabei. Gestern wurden von der Polizei Blendgranaten geworfen, dann gab es eine Massenpanik. Die Warnwesten tragen wir Journalist*innen vor allem, damit wir uns gegenseitig erkennen. Wir bleiben immer zusammen und passen aufeinander auf. Weil die Polizei auch immer öfter auf uns losgeht.

Marko ist Journalist einer lokalen Student*innenzeitung. Als er uns ohne Warnwesten arbeiten sieht, führt er uns ins Rektorat im Nebengebäude, wo wir mit Edding die Buchstaben “PRESS” auf die orangen Jacken malen. Alle Journalist*innen nicken uns freundlich und kollegial zu. Eine Kollegin vom Nachrichtenkanal N1 steht in feiner Bluse und mit perfektem Make-up vor der Reihe von Polizist*innen, die in voller Montur das Gebäude der philosophischen Universität in Novi Sad blockieren. Sie wirkt seelenruhig, während wir uns immer wieder nervöse Blicke zuwerfen. Gestern wurden die Student*innen brutal aus dem Gebäude geworfen, heute wollen sie dagegen protestieren. Die Stimmung ist sehr angespannt. 

Protestierende vor der Philosophischen Fakultät

Simon: Wie findest du es, hier journalistisch zu arbeiten?
Alena: Spannend, manchmal angsteinflößend. Vor allem aber sehr herausfordernd. Man möchte der Situation gerecht werden, möchte alle Aspekte beleuchten. Die mutigen Student*innen, die repressive Regierung, aber dann die Veteranen auf den Demos… und Student*innen, die scheinbar damit okay sind, Veteranen sogar feiern. Serbische Kriegsverbrechen oder den Genozid in Srebrenica immer noch nicht anerkennen. 

Langsam wird es voller. Neben Student*innen sind auch ältere Frauen und Männer anwesend, um die jungen Leute zu unterstützen. Durch die jungen Menschen habe sie nach langer Zeit wieder Hoffnung auf eine demokratische Regierung geschöpft, erzählt uns eine Pensionistin. Andererseits sind auch Kriegsveteranen hier und Menschen in JSO-Uniform. JSO, das ist die 63. Fallschirmbrigade, die während des Kosovokrieges schwere Kriegsverbrechen begangen hat. Sie waren z.B.  am Massaker von Meja beteiligt, wobei 1999 mindestens 377 kosovo-albanische Jungen und Männer von ihren Familien getrennt und durch die serbische Armee hingerichtet wurden. 

Man erkennt sie hier zum Beispiel an ihren roten Baretts, die sie bei den Protesten immer tragen. Die Zeitung Vreme berichtete schon im Februar über ein Statement, das die Veteranenvereinigung (srb. Jedinica za specijalne operacije) abgegeben hatte: Sie stünden hinter den Protestierenden, immerhin seien sie schon immer auf der “richtigen Seite” gewesen. 

Wir sehen vereinzelt auch junge Männer, die das rote Barett mit dem Abzeichen der 63. Fallschirmbrigade tragen. Ob sie die wohl von ihren Vätern oder Großvätern haben, fragt sich Simon. Plötzlich wirkt der Krieg ganz nah, als wäre er gestern passiert.

Alena: How do you perceive the presence of war veterans at this protest?

Protester: Well yes, they were involved in war crimes, valid, whatever, but they are on our side. They protect us.

Alena im Gespräch mit Protestant*innen

Heute bleibt es friedlich. Wir beschließen, nach drei Stunden den Protest mit vielen Eindrücken zu verlassen. Am Rückweg sehen wir noch Ratko Mladićs Namen auf einer Tafel auf dem Universitätsgelände geschmiert. Er wurde für Kriegsverbrechen und Völkermord vor dem Haager Tribunal verurteilt. Später erfahren wir, dass es über 300 Graffitis von ihm alleine in Belgrad gibt. 

Etwas zu lachen hatten wir nach diesem zu denken gebenden Abend aber doch noch. „Präsident Vučić zeigt es seinen Hatern“ steht auf dem Cover des regierungsnahen Boulevardblattes Informer. 

Informer: ‘‘Der Präsident zeigt es seinen Hatern’’

Simon: “Zum Glück sind noch alle wichtigen Stellen in der Zeitung gelb markiert, da muss ich nicht selbst nachdenken’’



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Tag 2: Hunde, Katzen & Protest