Tag 4: Der Informer informiert nicht
Sofija: ’’Habt ihr noch dieses Drecksblatt Informer?’’
Kioskverkäuferin: ’’Leider nicht, ist schon ausverkauft.’’
Sofija: ’’Leute lesen das also wirklich, aha.’’
Eine kroatische Ustaša-Faschistin sei Sofija Popović, schreibt der Informer vor einigen Wochen (Ustaša waren eine kroatische faschistische, ultranationalistische Bewegung, die im Zweiten Weltkrieg mit Nazi-Deutschland kollaborierte). Sie ist unabhängige Journalistin, schreibt für European Western Balkans, ist beim EU-Thinktank Centre for Contemporary Politics aktiv und hat in den letzten Monaten oft über die Proteste berichtet. Sie und ihre Kolleg*innen werden von regierungsnahen Medien erpresst und in den Dreck gezogen, erzählt sie. Sie spreche nicht so gerne über ihre eigenen Erfahrungen, weil andere Journalist*innen, auch ihre Freund*innen, im Vergleich noch viel mehr Repressionen erfahren haben. Aber genau deswegen sei es ihr wichtig, hier als Journalistin tätig zu sein.
Zwei Journalist*innen kaufen eine ‘‘Qualitätszeitungen’’
Sie zieht an ihrer Vape, atmet durch die Nase aus; dieses Café am Platz, das habe bestimmt Verbindungen zu SNS, so groß und zentral wie es ist. Wir begleiten Sofija zu einem Kiosk, wo wir den Informer für umgerechnet 50 Cent kaufen. Sie erklärt uns, dass sie die Zeitung gar nicht als Boulevardblatt sieht, wie die Heute oder die Bild in Österreich oder Deutschland, sondern als reines Propagandainstrument der Regierung. Auf der Titelseite von Informer prangt groß: ‘’Vučić hat wunderbare Nachrichten: Die Pensionen sind die höchsten in der Geschichte’’. Dabei ist die Inflation so hoch, dass die Pensionserhöhungen von Vučić keine realen Erhöhungen sind, gibt uns Sofija zu verstehen.
Simon: ’’Wieso sind in der Zeitung einzelne Stellen gelb markiert. Sowas habe ich noch nie gesehen.’’
Sofija: ’’Alle gelb markierten Stellen sind Zitate von Aleksandar Vučić oder von anderen Regierungsvertreter*innen.’’
Die ‘‘wichtigsten’’ Stellen im Informer sind markiert
Später treffen wir Luna und Arsa im Rektorat der Universität Belgrad. Es ist das einzige Universitätsgebäude in Belgrad welches noch von den Student*innen blockiert wird. Hier wurden von Anfang an die Plenen abgehalten, bei denen die gewählten Vertreter*innen der verschiedenen Fakultäten zusammenkamen und über Strategien und Entscheidungen abstimmte. Die Proteste wurden von den Student*innen basisdemokratisch organisiert, es gibt keine Anführer*innen, das war ihnen wichtig.
Luna, Arsa & Đole der regierungskritische Kater
Eine Gruppe Student*innen sitzt im Innenhof zusammen, wo ein großes trojanisches Holzpferd steht – sie wollten es im Rahmen einer humorvollen Protestaktion den Regierungsanhänger*innen übergeben, die seit Monaten vor dem Parlament ihr Zeltlager aufgeschlagen haben. ‘’Ćaci’’ ist ihr Spitzname hier, das Camp (Ćaciland) ist mit einem Zaun versperrt, teils mit Stacheldraht versehen und überall mit Harz beschmiert, damit niemand hinüberklettert.
‘‘Ćaciland’’ ist nicht für alle zugänglich
Wieder merken wir: Die Student*innen haben so viel zu erzählen, dass sie gar nicht aufhören wollen zu sprechen. Mit 1 ½ Stunden war es unser bisher längstes Interview.