Tag 2: Rentiere und Bergwerke

Der Tag begann mit einer kurzen Wanderung auf den Luossavaara, einen Hügel am Rand von Kiruna, in dem bis 1985 Eisenerz abgebaut wurde. Dort traf ich Lars-Marcus Kuhmunen, Rentierhalter, Vorsitzender der Gabna Sameby und ethnischer Sami.

Die Sámi sind die einzige anerkannte indigene Bevölkerung der EU und ein Sameby ist eine gesetzlich definierte Einheit der Rentierhaltung. Der schwedische Staat legt fest, wie viele Tiere ein Sameby halten darf und auf welchen Flächen. Gabna ist jener Sameby, dessen Weidegebiet direkt um Kiruna liegt.

Lars-Marcus Kuhmunen, Rentierhalter und Vorsitzender der Gabna Sameby.

Gefährdete Lebensweise

Doch diese traditionelle Lebensweise rund um Kiruna gerät zunehmend unter Druck, und das hat viel mit dem Bergbau zu tun. "Rentiere bleiben nicht das ganze Jahr an einem Ort, sondern ziehen weiter", erklärt mir Kuhmunen. Im Sommer sind die Tiere in den Bergen und fressen sich eine Fettschicht für den Winter an. Danach ziehen sie in die Wälder, wo unter dem Schnee noch Flechten zu finden sind. Zwischen der Sommer- und Winterweide der Gabna Sameby liegt Kiruna.

Genau das ist das Problem. Das Gebiet von Gabna ist lang, aber schmal, und es wird bereits von einer Autobahn, einer Eisenbahn Linie und von der Mine durchschnitten. Was früher ein gerader Weg war, ist heute ein Umweg. Und der könnte in Zukunft noch enger werden. Unter dem Namen Per Geijer plant LKAB eine neue Grube, in der neben Eisenerz auch Seltene Erden abgebaut werden sollen.

Wer zahlt die Kosten?

Die EU hat das Vorhaben als strategisches Projekt eingestuft, weil sie damit ihre Abhängigkeit von China beim Import der Seltenen Erden verringern will. Für Gabna hingegen würde die Mine mitten im verbliebenen Korridor liegen, was eine Migration der Rentiere in den Zwischensaisons verunmöglichen würde. "Dieses Projekt bedroht die Existenz der Sámi-Kultur in unserer Region", sagt Kuhmunen. Es ist eine Frage, die mich auf dieser Reise noch beschäftigen wird: Wer trägt die Kosten der europäischen Rohstoffwende, und wer entscheidet darüber?

Eine Visualisierung der neuen Per Geijer Mine in Kiruna.

Am Nachmittag stand der Besuch der Mine an. Mit dem Bus geht es durch einen Tunnel in den Berg hinein, bis auf 540 Meter unter die Oberfläche. Den laufenden Betrieb bekomme ich nicht zu sehen, dafür wäre es zu gefährlich. Der Rundgang findet in einem stillgelegten Stollen statt, der heute als Besucherzentrum dient.

Gigantische Dimensionen

Was man dort begreift, ist vor allem die Größenordnung. Kiruna ist die größte Eisenerzmine der Welt. Rund 85.000 Tonnen Erz holt LKAB hier täglich aus der Tiefe, und der Konzern steht für etwa 80 Prozent der gesamten europäischen Eisenerzproduktion.

Auch interessant ist die Abbaumethode. Beim sogennanten Teilsohlenbruchbau wird das Erz von unten herausgesprengt, das darüberliegende Gestein rutscht nach. Genau dieser Vorgang führt zur Absenkung des Bodens und ist damit auch der Grund weshalb Kiruna umziehen muss.

Je länger und tiefer abgebaut wird, desto mehr Stadt steht im Weg. Auch deshalb ist das Ende der jetzigen Mine absehbar. Per Geijer ist die Antwort von LKAB darauf. Für den Konzern ist es die Zukunft des Standorts, für die EU ein Baustein der Rohstoffunabhängigkeit, und für die Rentierhalter von Gabna die Bedrohung ihrer gesamten Existenz.

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