Dank EU schließt Horror-Gefängnis

Lukiškės-Gefängnis von außen

Wer heute durch das schwere Tor des Lukiškės-Gefängnisses mitten in Vilnius tritt, tut das freiwillig und darf nach rund zwei Stunden auch wieder hinaus. Wo bis 2019 noch Häftlinge eingesperrt waren, drängen sich heute Touristen durch schmale Gänge und kleine Zellen. Führungen gehören mittlerweile zum fixen Programm des ehemaligen Gefängnisses. Auf Litauisch werden diese teilweise sogar von Menschen begleitet, die das Gefängnis aus einer ganz anderen Perspektive kennen: ehemalige Häftlinge.

Das Gefängnis ist heute eine der ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten von Vilnius. 115 Jahre lang wurden hinter den hohen Mauern Menschen eingesperrt. Das 1904 eröffnete Gefängnis überstand zwei Weltkriege, die nationalsozialistische und die sowjetische Besatzung. Neben Straftätern saßen hier immer wieder politische Gefangene ein. Erst 2019 wurde die Haftanstalt endgültig geschlossen.

„Dank des Beitritts zur EU musste das Gefängnis schließen“, erklärt der Guide. Litauen trat 2004 gemeinsam mit neun weiteren Staaten der Europäischen Union bei. Ganz so einfach ist die rechtliche Geschichte allerdings nicht.

Trotzdem steckt hinter der Aussage des Guides ein wichtiger europäischer Zusammenhang. Mit der europäischen Integration gewann die Einhaltung gemeinsamer Grund- und Menschenrechtsstandards für Litauen weiter an Bedeutung.

Das Anti-Folter-Komitee des Europarats, kurz CPT, dokumentierte bei seinen Besuchen immer wieder schlechte Bedingungen. 2012 fand es unter anderem kaputte Fenster, heruntergekommene Möbel, alte und schmutzige Matratzen sowie Toiletten ohne ausreichende Abtrennung vor. Teilweise mussten sich zwei Gefangene eine nur rund fünf Quadratmeter große Zelle teilen. 2019 zog Litauen schließlich den Schlussstrich.

Nur wenige Jahre später könnte der Kontrast kaum größer sein. Aus dem Gefängnis wurde Lukiškės Prison 2.0. Heute ist der ehemalige Hochsicherheitskomplex Kulturzentrum, Veranstaltungsort und Touristenattraktion zugleich. Künstler haben ihre Ateliers in dem Gebäude eingerichtet, Konzerte und Ausstellungen finden hinter den Gefängnismauern statt. Auch internationale Filmproduktionen entdeckten den außergewöhnlichen Ort: Teile der vierten Staffel der Netflix-Serie „Stranger Things“ wurden hier gedreht.

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