„Lettland war gut zu mir“
Kühler Spätsommerwind säuselt durch die Einschusslöcher. Auf zerschossenen Wellblech prangen Bilder aus dem Ukraine-Krieg: verletzte Soldaten und ausgebombte Häuser – eine Freiluft-Galerie steht hier. Dahinter ragt ein Sowjet-Denkmal empor. Der Schriftsteller Andrejs Upīts, der „lettische Gorki“, starrt in Stein gehauen auf mich hinab.
Der „lettische Gorki“ (hinten links) und ukrainisches Wellblech
Hier im Kronvalda-Park in Riga treffe ich Igors Kļaviņš. Der 33-Jährige schwingt sich von seinem Fahrrad. „Lettland war gut zu mir“, sagt er bald. Er ist Russisch-Lette: Seine Mutter zog zu Sowjetzeiten nach Lettland.
Die Muttersprache rund eines Viertel des Ostseestaates – 400.000 Menschen – ist Russisch. Das Verhältnis zwischen Letten und im Lande lebenden Russen ist zerrüttet: Genau deswegen bin ich hier, um über Diskriminierung, Minderheitenrechte und die Angst der Letten vor dem „großen russischen Bär“, wie Kļaviņš es nennt, zu hören. Es riecht im Park nach frisch gemähtem Gras.
Kļaviņš, der bei der sozialdemokratischen, EU-freundlichen Partei „Progresīvie“ aktiv ist, erinnert sich zurück an seine Schulzeit. „Bei uns gab es zwei Russen in der Klasse, einer war ich“, erzählt er. Anders als viele Kinder aus russischsprachiger Familie ging er in eine Schule, wo die Unterrichtssprache lettisch war.
Igors Kļaviņš und sein Fahrrad
Wegen seinem russischen Akzent sei er zuerst gehänselt worden. „Manchmal hörte man diesen Mythos, dass alle Russen böse seien. In der Schule habe ich versucht zu zeigen, dass wir eben nicht der Teufel sind. Ich wurde nicht wegen meiner Herkunft gemobbt, es war eine positive Zeit für mich“, sagt er. Eine Mutter schimpft lautstark auf Russisch mit ihrem Sohn in Kleinkindalter, der unbeholfen über den Asphalt des Parkes tapst.
Das duale System aus lettisch- und russisch-sprachigen Schulen wurde mit 2024 sukzessive abgeschafft. Kļaviņš war damals Stadtrat in Riga für „Progresīvie“. Er erinnert sich an ein Chaos und ganz viel logistische „Kopfschmerzen“: „Das hat schon Sinn gemacht – das öffentliche Leben in Lettland spielt sich auf lettisch ab.“
Doch trotzdem war es ein großer Eingriff in die Minderheitenrechte der Russisch-Letten. Die traditionellen Parteien der russischen Minderheit, wie die Russisch-Lettische Union, liefen Sturm. „Sie haben diesen Kampf verloren“, meint Kļaviņš. Doch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.