Wir sehen sie das erste Mal, als wir mit dem Mietauto von Sarajevo nach Mostar fahren: Ihr grün-blaues Wasser hat sich tief in die Schlucht gefressen, rechts und links ragen spitze Felswände in den Himmel. Die Neretva ist der bedeutendste Fluss Bosnien und Herzegovinas und einer der letzten Wildflüsse Europas. Und sie ist bedroht, durch eine Reihe an kleinen und großen Wasserkraftwerken und Staudämmen. Ein Damm bei Ulog ist seit 2024 in Betrieb und hat bereits ein Massensterben an Fischen verursacht, während sich das Upper-Horizons-Projekt noch bis 2027 im Bau befindet.

Simon: Das ist jetzt schon der dritte Staudamm, an dem wir vorbeifahren.

Alena: Ist das einer von denen, die wir uns anschauen wollen?

Simon: Nein, das sind alte Wasserkraftwerke, aus der Zeit Jugoslawiens. 

Alena: Bosnien ist ja sogar Exporteur von Energie, warum dann so viel neue Dämme bauen, die die Umwelt zerstören?

Simon: Es lockt halt viele Investoren aus dem Ausland an, dass Bosnien für die Green Agenda der EU erneuerbare Energien ausbauen will.

Alena: Wir müssen heute unbedingt mit Aida darüber sprechen, wem das wirklich etwas bringt: Korrupten politischen Eliten, ausländischen Investoren, oder tatsächlich der lokalen Bevölkerung?

Die Neretva ist nur einer aus einer Reihe von bedrohten Flüssen, die die Balkanregion zum “blauen Herz Europas” machen

Um auf diese Frage Antworten zu finden, sind wir nach Bosnien geflogen. Denn die Staudämme sind Teil eines Musters, das sich in den letzten zwanzig Jahren immer stärker in der Balkanregion abzeichnet und mittlerweile schon zwei nationale Revolutionen ausgelöst hat: Ausländische Firmen investieren in Mega-Projekte, die bei der lokalen Bevölkerung auf Protest stoßen.

Letztes Jahr waren wir in Serbien, um über die Studentenproteste zu berichten. Auslöser dafür war der Einsturz des Bahnhofdachs in Novi Sad, dessen Bau Teil des chinesischen Infrastrukturprojekts „Neue Seidenstraße“ war. In Albanien begann die Flamingo-Revolution im Mai mit Protesten gegen einen geplanten Luxushotelkomplex neben einem Naturschutzgebiet. Entwickelt wird das Projekt von einem Unternehmen, das mit der Investmentfirma des US-Unternehmers und Trump-Schwiegersohns Jared Kushner in Verbindung steht. So werden auch der Ulog-Damm sowie das Upper-Horizons-Projekt großteils durch Investitionen vom chinesischen Baunternehmen Sinohdydro finanziert, das unter anderem durch die Europäische Investment Bank sanktioniert ist – weil es unter Verdacht steht, in Tansania, Georgien und Marokko Korruption ausgeübt zu haben.

Gerade rechtzeitig schaffen wir es in das Café in Mostar, wo wir unsere erste Interviewpartnerin treffen. Aida Kapetanović ist Politikwissenschaftlerin, Soziologin und Aktivistin bei der Plattform ACT. Ihre Dissertation schrieb sie zu Widerstandsbewegungen gegen Wasserkraftwerke in Bosnien sowie Serbien, ein Thema, das ihr sehr am Herzen liegt: Aida wuchs in Italien auf, während des Krieges wurden ihre Eltern aus Mostar vertrieben. Nach dem Abschluss ihres Doktors kehrte sie zurück, um sich für den Erhalt der Flüsse einzusetzen.

Aida Kapetanović ist eine absolute Expertin, wenn es um den Schutz der Neretva geht. In ihrer Forschung spricht sie viel mit Menschen aus ländlichen, periphären Regionen, die sonst marginalisiert werden.

Alena: Profitieren Bosnien oder die Menschen hier von diesen Projekten?

Aida Kapetanović: Nein. Die gewonnene Energie aus den Kraftwerken kommt ja nicht einmal Bosnien zugute, sondern wird durch diese ausländischen Unternehmen wieder auf dem Markt verkauft.

Alena: Warum passiert das genau hier?

Aida: Nach dem Ende des Kriegs wurde Bosnien in ethnische Regionen eingeteilt, gleichzeitig kam es im ehemaligen Jugoslowien zu einer Privatisierungswelle. Was während des Sozialismus staatliches Eigentum war, wurde jetzt nach ethnischen Grenzen verteilt. Die Republika Srpska hat deshalb ein ganz anderes Stromnetz als der Rest Bosniens. Das fördert Korruption und einen unregulierten Kapitalismus: Ausländische Investoren sehen in der Balkanregion einen Ort ohne Regeln, wo sie machen können, was sie wollen. Die Region ist geprägt durch Extraktivismus und Neokolonialismus.

Zur Neretva hat sie eine ganz besondere Beziehung, wie viele hier, sagt sie. Während das Land von ethnisch-nationalistischen Spaltungen geprägt ist, kennen Flüsse und Ökosysteme keine Grenzen. Das ist es, was für Aida die Kraft dieser Bewegungen ausmacht: Der Kampf für die Flüsse schafft neue, kollektive Identitäten, die vereinen, statt zu spalten.

Weiter
Weiter

Ausländische Investitionen in Bosnien und Herzegowina