Fragile Ökosysteme
Hrabren Kapić: Ist es okay für euch, wenn ich eine rauche?
Simon: Sicher, dann würde ich mir auch eine anzünden.
Kurz darauf liegt Rauch in der Luft und Hrabren Kapić fängt an zu erzählen. Sein Büro in Konjić ist ein dürftig eingerichtetes Zimmer mit Fenstern zur Neretva: Auf dem Schreibtisch stapeln sich dicke Ordner, eine Sammlung Angelpreise verstaubt in der Ecke und auf dem Tisch in der Mitte liegt ein großes Informationsschild über die gefährdete Weichmaulforelle. Denn Hrabren ist Fischereiaufseher für den Bereich der Neretva flussabwärts des Ulog-Damms. Er hat einen Vertrag mit der Föderation Bosnien und Herzegowina, der ihn dazu verpflichtet, das Ökosystem in diesem Flussabschnitt zu schützen. Dazu gehört zum Beispiel, dass er die Fischpopulation und Wasserqualität überwacht oder Lizenzen von Anglern prüft.
Durch das Fenster in Hrabrens Büro blickt man auf die alte Brücke in Konjić
Dass der Staudamm für den Fluss nichts Gutes bedeutet, war ihm von Anfang an klar. Deshalb nahm er auch an den Protesten teil, die 2023 in Konjić stattfanden. Da ahnte er aber schon, dass es zu spät wäre. 2024 ging das Wasserkraftwerk in Betrieb und spätestens im September 2025 wurde für alle sichtbar, was das für das Ökosystem bedeutet: Sauerstoffarmes Wasser, das aus dem Reservoir abgelassen wurde, führte zu einem Massensterben in der Neretva.
Hrabren: Überall lagen tote Fische am Ufer, auch die Weichmaulforelle und andere gefährdete Arten. Umso näher am Stausee, desto schlimmer war es. Die ersten acht Kilometer darunter war der Fluss völlig tot, da lebte nichts mehr. Alles erstickt.
Nach dem Gespräch fragt er uns, ob wir noch einen Kaffee trinken wollen. Wir sitzen also in einem Lokal an der Neretva und er schimpft weiter über Korruption und intransparente Verträge zwischen der Investmentfirma EFT und der Republika Srpska. Denn während Ulog in der Republika Srpska liegt, sind die Auswirkungen auch kilometerweit flussabwärts spürbar, in der Föderation Bosnien und Herzegowina. Dem Fluss ist die Grenze zwischen den Entitäten egal. Dass beide Regierungen getrennt voneinander agieren, macht die Sache undurchschaubar. Genau das nutzen ausländische Firmen aus, denkt Hrabren.
Auf dem Weg zurück nach Mostar kommen wir in einen Platzregen, wir müssen mit dem Auto kurz stehenbleiben, weil man durch die Windschutzscheibe nichts mehr sieht
Die Weichmaulforelle ist vom Aussterben bedroht. Die Neretva in Konjić ist einer der letzten Orte, an denen sie noch lebt
Alena: Was ist dir aus dem Gespräch heute hängengeblieben?
Simon: Wie resigniert er gegenüber Korruption war. Auch lokale Investigativjournalist*innen nehmen ja stark an, dass die bei der Planung solcher Projekte eine Rolle spielt, vor allem wenn es um Verträge mit ausländischen Investor*innen oder Baufirmen geht. Und wie er darüber sprach, dass er sich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung auch aus der EU und Westeuropa wünschen würde.
Alena: Das fand ich auch sehr interessant. Vor allem, als er sagte: Am Ende betrifft es auch euch in Westeuropa, weil wir alle Teil eines Ökosystems sind. Und das ist fragil.