Tag 1: Der Bus kommt immer zu spät…
Der erste halbe Tag meiner Serbien-Reise geht schon mal für die Anreise selbst drauf. 6.30 Uhr Abfahrt Innsbruck, 10.50 Uhr Abflug in München nach Belgrad.
Ankunft in Belgrad um ca. 12.30 Uhr mit landwirtschaftlichem Fleckerlteppich.
In Serbiens Hauptstadt angekommen, entscheide ich mich spontan für den 72er Bus. Er braucht ungefähr doppelt so lange ins Zentrum wie alle anderen Buslinien, weil er nicht über die Autobahn, sondern über die Bundesstraße und damit durch einige Vororte fährt. Die möchte ich mir bei dieser einstündigen Fahrt durchs Busfenster ansehen, um ein Gefühl für das Leben außerhalb Belgrads zu bekommen.
Ich merke schnell: In Serbien fahren die Öffis so wie sie eben gerade kommen. Der 72er hätte um sieben nach eins abfahren sollen, er rollt schon fünf Minuten früher ein und düst direkt los. Ob er nicht noch warten wolle, frage ich den Busfahrer, die deutsche Pünkltlichkeit in mir schreit auf. Er sei doch der Bus, der schon vor einer halben Stunde hätte fahren sollen, erklärt mir der Fahrer mit einer Perplexität, als wäre ich von einem anderen Stern gekommen.
Ich fahre durch triste Vororte, in denen mehr Boden von Müll bedeckt ist als ich gewohnt bin. Baustellen werden an vielen Stellen wohl immer Baustellen bleiben, kleine unverputzte Hütten reihen sich aneinander, mit Planen als Vordächern, die mit Ziegelsteinen wind- und wetterfest gemacht wurden. Straßenhunde streunen durch die Grünflächen, auf die das Wort “Steppe” wohl eher zutrifft. Je näher ich der Hauptstadt komme, desto besser werden die Wohnhäuser. Aus Hütten werden Häuser, aus Häusern Hochhäuser im Brutalismus der Nachkriegszeit.
Das Microsoft Development Center Serbien (MDCS) im Ušće Tower 2 am Zusammenfluss von Save und Donau bildet schließlich die imaginäre Grenze zu Belgrad. Das Zentrum wurde 2005 gegründet und beherbergt neben Büros auch das 2025 eröffnete Microsoft Garage Innovations-Hub, den erst zweiten Standort dieser Art in Europa. Es ist eines der innovativsten Entwicklungszentren des Konzerns in Europa und steht wohl stellvertretend für das Thema, für das ich nach Serbien gekommen bin. Seit Jahrzehnten kämpft das Land mit Brain Drain, also der Abwanderung von (jungen) Fachkräften in ganz vielen Wirtschaftssektoren. Auf der anderen Seite steht eine erfolgreiche IT-Branche. In den folgenden Tagen möchte ich herausfinden, wie diese beiden Entwicklungen zusammenspielen, ob die IT-Branche jungen Leuten Gründe zum Bleiben gibt, und ob sie die Entwicklung des Landes unterstützen kann oder nur eine Insel der Modernität darstellt.
Das erste Interview
Gleich nach meiner Ankunft steht mein erstes Interview der Woche an: Ich spreche mit Saša Popović, dem Gründer von Vega IT. Seine weltweit tätige Firma ist eine Erfolgsgeschichte hausgemachten serbischen Unternehmertums in der IT-Branche. Ich möchte von ihm vor allem wissen, was sich seit der Gründung vor 18 Jahren getan hat, wie wichtig ihm heimische Fachkräfte für sein Unternehmen sind und was ein Unternehmen heute leisten muss, um seine Arbeitnehmer zu behalten.
Wir sprechen über Teams, weil Popović ein vielbeschäftigter Mann ist. Aus seinem Büro sieht man auf Novi Sad, eines der wichtigsten und am schnellsten wachsenden IT-Zentren Serbiens. Die dort ansässige Universität sowie diverse technische Fakultäten liefern kontinuierlich gut ausgebildete Fachkräfte. In Kombination mit nationalen sowie internationalen Softwareunternehmen, Tech-Konzernen und Start-ups, die Tausende von IngenieurInnen und EntwicklerInnen beschäftigen, hat sich die Stadt zu einem bedeutenden Technologie-Hub in Südosteuropa entwickelt.
Imposter-Syndrom und Gedanken sortieren
An dieser Stelle etwas Ehrlichkeit: Unser Gespräch lässt mich überfordert zurück. Ich bin nicht in Serbien aufgewachsen und habe bis vor wenigen Stunden noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt. Dennoch recherchiere ich zu einem Thema, das sich mit viel Geschichte und auch mit der Zukunft vieler Menschen auseinandersetzt. Ich habe Angst, ob ich dem Thema, dem Land und den Leuten gerecht werden kann.
Deswegen heißt es für mich heute Abend: Recherchieren und noch einmal recherchieren. Auch die Interviewfragen für mein morgiges Gespräch müssen überarbeitet werden. Da treffe ich mich mit Tanja Kuzmann, der Geschäftsführerin der Inicijativa „Digitalna Srbija“, also der Digital Serbia Initiative (DSI). Dabei handelt es sich um eine private, gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation, die 2017 von mehreren großen Unternehmen und Akteuren der serbischen Tech-Szene gegründet wurde und heute mehr als 30 Organisationen aus den Bereichen Tech, Banken, Telekommunikation, Forschung, Bildung, Beratung, Medien und dem Startup-Ökosystem vereint. Ihr übergeordnetes Ziel: Serbien zu einer international wettbewerbsfähigen Digital- und Innovationsökonomie zu entwickeln. Kuzmann soll in meiner Reportage die Makro-Ebene des Themas verkörpern.
Wo soll ich wann eigentlich sein?
Den ersten Abend meiner Reise nutze ich außerdem für viel Organisatorisches: Mit einem jungen Mann, den ich vor ein paar Wochen auf LinkedIn gefunden und bezüglich eines Hackathons, eines 24h-Programmierevents, kontaktiert hatte, muss ich aufgrund eines Missverständnisses neue Termine koordinieren. Er ist selbst Programmierer und bemüht sich, noch andere junge IT-Fachkräfte zu finden, die mit mir über ihre Zukunftspläne und die aktuelle Lage in Serbien sprechen wollen.
Ich bin etwas nervös, ob das Treffen zustande kommt. Weil wir ein terminliches Missverständnis und er damit doppelten Aufwand hatte. Und weil ich ihnen als Dankeschön nichts als Kaffee und/oder Bier geben kann. So oder so möchte ich aber in den kommenden Tagen die Universität in Novi Sad besuchen. Das Semester hat zwar noch nicht begonnen, aber mir wurde gesagt, ich dürfte dort trotzdem StudentInnen antreffen. Ich sehe es als Notfallplan, falls mein Treffen mit den jungen IngenieurInnen nicht zustande kommt.
Der erste Tag ist vollgepackt mit tieferer Recherche und Organisation.
Nach Novi Sad möchte ich auch deswegen, weil ich unbedingt “Soko”, den serbischen “Falken”, erleben will. Der serbische Hochgeschwindigkeitszug verbindet Belgrad und Novi Sad direkt in nur rund 40 Minuten und wurde maßgeblich von chinesischen Unternehmen wie China Railway International gebaut. Während meiner Zeit in Serbien möchte ich für einen potentiellen zweiten Text nämlich auch die Beziehung zu China - laut Präsident Aleksandar Vučić der „wichtigste und ehrlichste Freund“ des Landes - näher untersuchen. Immerhin wurde das im Juli 2024 in Kraft getretene Freihandelsabkommen zwischen den beiden durch neue Kooperationen in den Bereichen Hochtechnologie und Industrie in diesem Jahr weiter vertieft.
Dieses Thema ist mir bei meiner Recherche für mein ursprüngliches immer wieder begegnet, daher möchte ich versuchen, zwei Texte zu schreiben und alles unter einen Hut zu bringen. Dazu stellt sich mir nach einer kurzen Suche nach einem netten Restaurant die Frage: Wo soll ich eigentlich wann sein? Ich werde heute Abend versuchen, meine Interviewtermine und Pläne für Lokalaugenscheine zu koordinieren. Dazu gehört auch das Raussuchen öffentlicher Verbindungen mit genügend Puffer. Denn wie ich jetzt weiß: Der Bus kommt immer zu spät.