Tag 5: Wenn alle im Recht sind

Ich sitze am Flughafen in Lissabon, wie üblich zu früh, und versuche, fünf Tage Lissabon zu sortieren.

Zurück zum Anfang: hundert Digital Nomads bei einem Meetup, direkt vom Flughafen weg, alle auf der Suche nach Anschluss und alle auf der Suche nach einem besseren Leben. Was ihr Recht ist, denn genau dazu lädt die Regierung sie ein.

Dann ein Tag an der Universität, an dem mir ein Geograph erklärt, wie aus der Finanzkrise 2008 über das Golden-Visa-Programm eine Stadt wurde, in der ein Viertel wie Alfama von 25.000 auf unter 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner geschrumpft ist. Die Nebenwirkungen von dem, was die Stadt gleichzeitig gerettet hat. Man wollte, dass das Ausland nach Lissabon kommt. Und das sind sie. Die Frage ist, wie man jetzt damit umgeht.

Ein Gespräch mit Melissa, die seit 2019 hier lebt und vor hat zu bleiben und trotzdem sagt: Man muss dem Ganzen mindestens ein Jahr geben. Eine Stand-up-Show, bei der Comedians über genau die Bruchlinien Witze machen, die mich die Tage begleitet haben. Und Franz Buhr, der mir erklärt hat, warum sich Nomads und Einheimische in „parallel cities“ begegnen, ohne sich wirklich zu begegnen. Spannend ist: Seine Forschungsarbeit entstandt in einem Coffee-Shop beziehungsweise vielen. Denn die Lokale die Expats und Digital Nomads besuchen, werden von Expats geführt.

Was hängen bleibt, ist vor allem: Es ist kompliziert. Die Nomads nehmen genau das Angebot an, das ihnen die Regierung macht – Steuervorteile, ein eigenes Visum, offene Türen. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig ist der Unmut der Menschen verständlich, die hier leben und aufgewachsen sind: Money is power, und das verschiebt Strukturen – Mieten, Nachbarschaften, wer noch bleiben kann und wer nicht. Ob durch dieses Kapital am Ende tatsächlich Wert entsteht oder nur Konsum, konnte mir auch Buhr nicht beantworten – nicht einmal für die Start-up-Zentren, die in Lissabon auf genau dieses globale, mobile Kapital setzen.

Und genau diese Schieflage macht es vermutlich noch schwerer, dass Nomads und Einheimische überhaupt in Kontakt kommen. Wer seine Freizeit mit Yoga und Pilates für 35 Dollar die Stunde verbringt, bewegt sich in einer Parallelwelt zu jemandem, der sich das nicht leisten kann – ganz ohne böse Absicht auf beiden Seiten. Gibt es eine andere Möglichkeit als dieses Parallel-Existieren? Eine klare Antwort habe ich nach fünf Tagen nicht. Aber viele Widersprüche, die ich bis zum Schreiben meines Artikels sortieren darf.

That’s a wrap on Lissabon 2026.

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Die Abwanderung junger Serbinnen und Serben