Tag 1: Die Arbeitslosen von Duisburg
Vor der alten Mercatorhalle sitzt Sandro und liest. Früher war sie ein Konzerthaus, benannt nach einem von Duisburgs größten Söhnen: Gerhard Mercator, der Geograph, dem wir die gleichnamige Weltkarte zu verdanken haben. Heute ist in der Halle ein Spielcasino. Wenn jemand einen glücklichen Tag hat und viel Geld am Roulette-Tisch oder an den Spielautomaten gewinnt, erhofft sich Sandro, vielleicht ein paar Euro abzubekommen. Deswegen sitzt er hier.
Sandro war mal Gärtner, lebte in einem kleineren Ort an der linken Rheinseite und hatte Frau und Sohn. Dann wurde er „64er“ wie er sagt. So bezeichnet man in Deutschland umgangssprachlich Straftäter, die aufgrund einer schweren Suchterkrankung in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. 2008 kam er raus. Seither lebt er in Duisburg, die meiste Zeit ohne Job und seit vielen Jahren auf der Straße.
Menschen wie Sandro sehe ich auf meinem ersten Spaziergang durch Duisburg einige. Das kommt nicht von ungefähr: In keiner deutschen Großstadt sind mehr Menschen armutsgefährdet als hier. Mit 26,6 Prozent lag die Armutsgefährdungsquote 2025 knapp zehn Prozent über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote liegt in Duisburg regelmäßig im zweistelligen Bereich und nur in Gelsenkirchen empfangen mehr Menschen Bürgergeld als hier. Nach allen relevanten Kennzahlen ist Duisburg eine der ärmsten Städte Deutschlands.
Woran liegt das? Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich hier die Eisen- und Stahlindustrie fest, wenig später begann die Kohleförderung und Verbrennung. Duisburg wurde zum stählernen Herzen Europas. Auch heute ist die Stadt immer noch der größte Stahlstandort des Kontinents, bis zu einem Viertel des gesamten Rohstahls der EU wird hier produziert.
Doch seit Jahren gehen in der Branche Arbeitsplätze verloren – und damit Wohlstand. Das Stahlwerk von ArcelorMittal soll 2027 dicht machen, inklusive 550 Stellen. Und thyssenkrupp, Deutschlands größter Stahlhersteller, möchte bis 2030 bis zu 11.000 Stellen abbauen. Das Institut für deutsche Wirtschaft (IW) berechnet, dass allein der Abbau von 1.000 Arbeitsplätzen in der Duisburger Stahlindustrie einen Rückgang von Deutschlands Wirtschaftsleistung um 1,5 Milliarden Euro verursachen könnte.
Obendrein muss 2038 auch noch das letzte Kohlekraftwerk Duisburgs schließen, denn der Kohleausstieg ist beschlossene Sache. All das macht Duisburg, und insbesondere den Stadtteil Walsum, in dem das Kohlekraftwerk steht, besonders von Strukturwandel betroffen. Laut dem IW Köln ist kein Ort in Deutschland stärker betroffen. Hier werden also besonders viele Investitionen nötig, um den Wandel zu einer neuen, grünen Industrie zu schaffen.
Wie das gelingen kann, dass möchte ich in den nächsten Tagen herausfinden. Spoiler: Es gibt vielversprechende Projekte.