Tag 2: Wo das Gras grüner zu sein scheint
Gleich in der Früh treffe ich mich mit Tanja Kuzman, der Geschäftsführerin der Digital Serbia Initiative (DSI). Wie schon gestern erklärt, handelt es sich dabei um eine private, gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation, die 2017 von mehreren großen Unternehmen und Akteuren der serbischen Tech-Szene gegründet wurde mit dem Ziel, Serbien zu einer international wettbewerbsfähigen Digital- und Innovationsökonomie zu entwickeln.
Natürlich bin ich schon eine Stunde vor unserem vereinbarten Gespräch dort, denn ich habe mir aufgrund der willkürlichen Busfahrpläne einen Puffer geplant und - wie sollte es anders sein - fährt meine auserwählte Linie plötzlich zehn Minuten früher ab als sonst. Und nimmt nicht die von Google Maps angezeigte Route mit einem kleinen Umweg, sondern den kurzen direkten Weg.
Fundament auf Glas statt “glass ceiling”
Der Bus bringt mich zu Blok 41a in Novi Beograd, Neu-Belgrad. Die “Blokovi” (serbisch für “Blöcke”) wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auf einem ehemaligen Sumpfgebiet gebaut. Sie sind das Idealbild einer sozialistischen Planstadt und bilden eines der faszinierendsten architektonischen Viertel Europas, wenn es um Brutalismus und des jugoslawischen Modernismus geht. Die Hochhäuser, die hier stehen, strahlen die Selbstsicherheit aus, auch einer Atomkatastrophe standhalten zu können. Sie sind grau und stabil, geerdet durch Massen an rohem Sichtbeton.
Nahe dem Büro der Digital Serbia Initiative treffen Welten aufeinander.
Anders ist das in Blok 42a, wo sich zwischen Nestlé, Adidas und der türkischen Volksbank “Halk Bank” auch das Büro der Digital Serbia Initiative befindet. Die Gebäude sind neu, modern und haben riesige Glasfronten - sie könnten wohl überall auf der Welt genau so stehen. Die hier herumlaufenden Leute tragen schicke Blazer und glänzende Schuhe, die Haare sitzen perfekt, es wird hauptsächlich Englisch gesprochen.
Was mir auffällt: Während überall sonst das Gras braun, trocken und übersäht mit Müll ist, laufen hier am Morgen die Sprenkleranlagen. Das Gras auf der anderen Seite ist also wirklich grüner. Betreten darf man es nicht.
Gegenden lassen sich anhand der Qualität der Begrünung klar unterscheiden.
Bei unserem einstündigen Gespräch nimmt sich Kuzman fast kein Blatt vor den Mund, auch dann nicht, als es ums Politische geht. Das ist nicht selbstverständlich, sagt sie, aber es ist nötig. Die DSI arbeitet an Dingen, die eigentlich Staatssache sein sollte. Zum Beispiel engagiert sie sich für Lehrkräfte in Gymnasien. Diese sollen lernen, Technik und KI zu ihrem Vorteil zu nutzen, Kinder zu wappnen und zum kritischen Denken anzuregen. Nicht nur in puncto KI.
Die Non-Profit Organisation erhofft sich dadurch radikal neue Ideen für das Land, junge Menschen, die sich trauen, etwas verändern zu wollen, und künftige UnternehmerInnen, die mit ihren Mitgliedsfirmen kooperieren wollen. In diesen gläsernen Kuben sollen “glass ceilings” endlich durchbrochen werden und Fundamente für ein modernes und wettbewerbsfähiges Serbien entstehen. So der Plan. Doch leicht war es die vergangenen zwei Jahren nicht, gibt Kuzman zu.
Ein Projekt voller Ambition und Abhängigkeit
Am Nachmittag lasse ich mir die Interviews der letzten Tage erst einmal transkribieren und markiere die für mich wichtigen Passagen. Außerdem möchte ich mir einen Local Guide organisieren. Nastija (Name zum Schutz ihrer Identität geändert) hat zwar keine offizielle Tour im Angebot, die sich mit der Beziehung von China und Serbien beschäftigt, aber ich soll einfach die “Highlights and Hidden Gems” Tour buchen und sie würde mir etwas zusammenstellen. 145 Euro kosten mich drei Stunden ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit und Expertise und ich zögere, ob sich das lohnt.
Ich sage ihr, dass ein Fixpunkt das neue Nationalstadion im Belgrader Vorort Surčin sein muss. Mehr als 12.500 Tonnen Stahl werden hier auf einer Gesamtfläche von 76.000 Quadratmetern verbaut. Die Kosten für das Stadion und die umliegend entstehende Infrastruktur belaufen sich auf umgerechnet rund eine Milliarde Euro, Experten schätzen, dass es letztendlich mehr sein wird.
Maßgeblich an dem Bau beteiligt ist die China State Construction Engineering Corporation, kurz CSCEC – eine der größten Baukonzerne weltweit. Auch die Power Construction Corporation of China, bekannt als PowerChina, ist als Generalunternehmer in das Projekt eingebunden. Das Nationalstadion soll zum Wahrzeichen des Landes werden. Es ist das größte Sportinfrastrukturprojekt der serbischen Geschichte. Und liegt fast vollständig in den Händen chinesischer Staatskonzerne. Das finanzielle Risiko trägt - zumindest nach derzeit öffentlich dokumentierten Strukturen - vor allem der serbische Staat.
Beworben wird das Stadion vor allem mit der Expo, also der Weltausstellung, die vom 15. Mai bis 15. August 2027 hier stattfinden soll. Erstmals hält sie Einzug im Westbalkan. Der Bau soll außerdem das neue Heimstadion der serbischen Fußballnationalmannschaft werden und wird die einzige Anlage im Land sein, die sowohl die Anforderungen der FIFA für Weltmeisterschaften als auch jene der UEFA für ihre Klubwettbewerbe erfüllt. Bereits 2018 hatte Serbien gemeinsam mit Bulgarien, Griechenland und Rumänien eine mögliche Bewerbung für die Fußball-WM 2030 oder die EM 2028 ins Auge gefasst. Letztlich ohne Erfolg.
Spontane Bekanntschaften
Beim Abendessen komme ich mit Edina (Name geändert) ins Gespräch. Sie ist 23 und in Wien geboren, lebt aber seit ihrer frühen Kindheit in Subotica und erst seit einem Jahr in Belgrad. Wir sprechen über Politik und das Leben in Serbien. Sie telefoniert für mich mit Freunden und fragt, ob die jemanden aus der IT-Branche kennen, der mit mir sprechen würde. Denn mein junger Ingenieur von LinkedIn hat sich immer noch nicht bei mir gemeldet. Wir sprechen auch über China und das neue Nationalstadion und suchen das Gelände auf Google Maps - die genaue Adresse ist schwer zu finden, aber mit einer ungefähren Lagebeschreibung und den guten Satellitenbildern finden wir es schnell.
Edina hat ein Auto und bietet an, mich gegen eine Aufwandsentschädigung dorthinzufahren, sie müsse nur vorher noch ihren Terminkalender mit ihrem Arbeitgeber abstimmen. Das ist mir fast lieber als mit Tourguide Nastija ein Taxi zu nehmen, immerhin weiß ich überhaupt nicht wie weit wir kommen und ob das Taxi dann dort auf uns wartet, um uns zurückzubringen.
An der Waterfront sind die Häuser hoch wie die Mieten. Viele, die hier wohnen, sollen ihr Geld nicht auf ehrliche Weise verdienen, sagt Anija.
Gemeinsam spazieren wir noch in den Stadtteil Beograd na vodi, besser bekannt als die Belgrade Waterfront. Am rechten Save-Ufer entsteht hier ein groß angelegtes städtebauliches Entwicklungsprojekt, das das sogenannte „Save-Amphitheater“ sowie Teile des Stadtviertels Savamala umfasst und sich über einen weiten Bereich zwischen der Branko-Brücke und dem Belgrader Messegelände erstreckt. Realisiert wird es nicht von China, sondern einer anderen Großmacht. Jeder Quadratzentimeter wird hier von einem Joint Venture der Republik Serbien und Eagle Hills, einem Immobilienunternehmen mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten, bebaut. Auch hier ist das Gras deutlich grüner.