Tag 2: Von Exarchia bis ans Meer
Paralia Edem an der Athener Küste. Foto: Sheima Lababidi
Recherche läuft selten genau so, wie man sie plant. Das hat sich für mich bereits an meinem ersten Abend in Athen gezeigt.
Das Exarchia Viertel gilt als jung, politisch und alternativ – eigentlich gute Voraussetzungen für Straßeninterviews. Vor Ort stellte sich das allerdings schwieriger heraus: Viele der jungen Menschen, die ich antraf, waren minderjährig, andere hatten wenig Interesse an einem Austausch.
Ganz ohne Ergebnis blieb der gestrige Abend trotzdem nicht. Ich bekam einen Tipp: Wenn ich junge Athenerinnen und Athener in entspannter Atmosphäre treffen wolle, sollte ich es am Strand versuchen. Dort verbringen viele nach der Arbeit oder am Wochenende ihre Zeit – und vor allem sitzen die Menschen dort vielleicht auch einmal länger als zwei Minuten an einem Ort.
Also geht es heute mit der Straßenbahn rund eine halbe Stunde raus aus dem Athener Zentrum Richtung Küste. Je weiter ich mich von der Innenstadt entferne, desto mehr verändert sich die Kulisse: Die herausgeputzten und touristischen Straßenzüge des Zentrums verschwinden, die Fassaden werden schlichter, manche Häuser wirken deutlich in die Jahre gekommen.
Mit der Straßenbahn von Syntagma Richtung Athener Küste. Foto: Sheima Lababidi
Für meine etwas abgewandelte „Straßenumfrage“ stellt sich das jedoch tatsächlich als gute Idee heraus. Diesmal komme ich mit mehreren Menschen ins Gespräch – darunter ein junger Marineingenieur und ein Mitarbeiter des griechischen Migrationsministeriums.
Mit ihnen spreche ich über die wirtschaftliche Situation des Landes, ihre persönlichen Zukunftsaussichten und darüber, wie es sich für sie heute in Griechenland lebt.
Nach den Interviews möchte ich noch eine andere Seite des heutigen Athens erkunden. Auf der Pireos Street liegt das ehemalige CHROPEI-Industriegelände. Genau hier ist der Athens Innovation District geplant: Auf rund 17.900 Quadratmetern sollen künftig unter anderem Forschungszentren, Start-ups, Inkubatoren, Acceleratoren und Unternehmen zusammenkommen.
Für meine Recherche ist der Ort interessant, weil er für eine Entwicklung steht, die mir in den kommenden Tagen noch häufiger begegnen wird: Griechenland versucht, neue wirtschaftliche Perspektiven zu schaffen und sich stärker als Standort für Innovation zu positionieren.
Also heißt es auch hier: Kamera raus, Atmosphäre aufnehmen und weiter durch die umliegenden Straßen. Denn für eine Radioreportage brauche ich am Ende nicht nur Interviews und Statistiken. Auch Athen selbst soll zu hören sein.
Danach geht es ins nächste Kaffeehaus und hinter den Laptop: Aufnahmen sichern, Notizen sortieren und vor allem die Fragen für die kommenden Interviews überarbeiten. Die Gespräche der vergangenen zwei Tage haben mir dafür bereits einige neue Ansatzpunkte geliefert.
Und eine Lektion aus meinem ersten Tag in Athen habe ich schon gelernt: Diesmal kostet der Kaffee nur 2,50 Euro.
Morgen beginnt der nächste Teil meiner Recherche. Dann möchte ich die Eindrücke, die ich bisher auf Athens Straßen gesammelt habe, mit Expertinnen und Experten diskutieren, die sich aus wissenschaftlicher, beruflicher oder persönlicher Perspektive mit der wirtschaftlichen Entwicklung Griechenlands beschäftigen.
Und bevor es so weit ist: früh ins Bett. Morgen wird ein langer Tag.