Tag 3: Auf den Spuren Chinas

Einen Teil des Vormittags verbringe ich wieder mit Organisatorischem: Ich versuche Termine mit den FreundInnen von Edina zu koordinieren, die in Novi Sad IT studieren. Es gestaltet sich schwierig, sie trauen einer Journalistin aus dem Ausland nicht und können plötzlich kein Englisch mehr. Meine ganze Hoffnung liegt darin, morgen vor Ort aufgeschlossene IT-StudentInnen zu finden, die mir etwas über ihre Zukunftsperspektiven verraten wollen.

Die chinesische Vergangenheit

Über die Mittagszeit fahre ich mit dem Bus zurück in die Blokovi, genauer: zum Blok 70. Hier bauten kleine chinesische HändlerInnen und Familienunternehmen in den 1990er Jahren die erste und bislang einzige China-Town des Balkans auf. Bis zu 20.000 von ihnen, vor allem aus den armen Provinzen im Süden Chinas, sollen damals gekommen sein, viele ohne Visum. Noch immer sollen einige tausend in diesem Gebiet leben.

Mit jedem Schritt ändert sich der Geruch in der Luft, von Zigarettenrauch zu scharfen Gewürzen, alles überlagert von einer penetranten Note Plastik. Die mehr als 300 Geschäftseinheiten auf zwei Etagen sind durch Rolltore abgetrennt, überall stehen Kartonagen und Plastiksäcke voller Dinge: Getrocknete Pilze, Gartenhandschuhe oder “Waist Trimmer Belts”. Man findet hier alles, was man braucht, und noch viel mehr, was man nicht braucht. Auch auf den Außenflächen stehen kleine Stände, deren Dächer aus dutzenden Lagen Karton bestehen und aussehen, als würden sie jede Sekunde einstürzen. Zu kaufen gibt es allerlei frisches Gemüse und abgehackte Hahnenfüße.

Die besten Zeiten des chinesischen Viertels scheinen vorbei zu sein.

Viele der Geschäftsflächen stehen heute leer. “Die Zeiten waren schon einmal besser”, sagt ein älterer Chinese, der gerade eine Nudelsuppe schlürft. 1998 ist er gekommen und gehört damit zur ersten Generation Serbo-Chinesen. Früher seien ganze Busse aus allen Ecken Serbiens hierhergekommen, heute kaufe noch der ein oder andere hier ein, viele seien es nicht mehr. Schon seit Mitte der 2010er Jahre verlassen HändlerInnen Serbien wieder wegen sinkender Umsätze. Der chinesische Handel verschiebt sich zunehmend von vielen kleinen Geschäften hin zu größeren Einkaufszentren und Firmenstrukturen.

Wie er zu der chinesisch-serbischen Beziehung stehe, will der Händler nicht verraten. Ob er stolz sei, dass das neue Stadion von Chinesischen Firmen getragen werde? Er zögert, dann sagt er, dass er Angst habe, die Lebenserhaltungskosten würden durch die Modernität und den großen Zulauf, den die Weltausstellung bringt, steigen. Schon jetzt komme er mit dem wenigen Geld, das sein Geschäft mit dem Verkauf von Stoffen abwirft, gerade so über die Runden.

Wer arbeitet hier eigentlich?

Am Nachmittag holt mich Edina in ihrem schwarzen Fiat 500 ab, um mit mir nach Surčin zu fahren. Oder besser gesagt zum örtlichen “Jockey Club”, einem Reiterhof, den man auch für Großveranstaltungen wie Hochzeiten mieten kann. Den habe ich über Google Maps gefunden, gleich nebenan entsteht das Expo-Gelände und das Nationalstadion. Ich hoffe, dass wir auf dem Reiterhof parken können und besser auf das Baugelände sehen können.

Das Stadion soll 2028 fertig werden.

Dort angekommen ist dann alles anders: Ist der Jockey Club zuerst noch über eine Umleitung angeschrieben, scheint es die Zufahrt wenige hundert Meter weiter nicht mehr zu geben. Trotzdem können wir mit dem Auto das Baugelände be- bzw. umfahren und das geht erstaunlich einfach und ohne Kontrollen. Es fühlt sich legal, aber gleichzeitig illegal an, hier zu sein, und ich merke, dass es Edina unangenehm ist, sich hier zu bewegen. Sie sagt, man macht in Serbien lieber nichts unerlaubtes, was mit solchen großen Projekten zu tun hat.

Als ich Container-Dörfer sehe, in denen einige der Arbeiter untergebracht zu sein scheinen, frage ich sie, ob sie wisse, wer hier eigentlich arbeitet: Serben oder Chinesen? “Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt”, antwortet sie wie auf alle Fragen, denen sie ausweichen will. Seit sie ihren Job im Ministerium für Inneres und Äußeres gekündigt hat, wolle sie sich nicht mehr mit politischen Fragen wie diesen beschäftigen.

Später verarbeite ich meine Eindrücke des Tages im Hotelzimmer und recherchiere weiter über die Beziehung von Serbien und China. Mit jeder Website tun sich immer noch größere Fragen auf. Meine Liste der Dinge, die ich mir für meinen finalen Text aufschreibe, wird immer länger.

Morgen geht es dann nach Novi Sad an die Uni - ich brauche dringend Gesprächspartner für mein ursprüngliches Thema über die IT-Branche. Edina meint, es sei gerade Prüfungsphase. Ich hoffe also, dass ich viele StudentInnen antreffen. Und sie nicht zu gestresst sind, um mir die ein oder andere Frage zu beantworten.

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Tag 2: Wo das Gras grüner zu sein scheint