Tag 3: Die Lebensrealitäten der Nomad:innen
Als Melissa nach Lissabon zieht, kennt sie niemanden in der Stadt und kann kein Wort Portugiesisch. Als in ihrer neuen Wohnung Strom und Gas angemeldet werden müssen, geht etwas schief – ein defekter Sicherungsautomat, für den sie das portugiesische Wort nicht kennt. Sie wird von einem Laden zum nächsten geschickt, dritter Anlauf, immer noch nichts. Am Ende des Tages hat sie ihr Ersatzteil – aber im letzten Uber nach Hause ist sie kurz vorm Weinen. „Ich dachte mir: In Österreich würde ich einfach zum Media Markt gehen und hätte es. Hier ist es einfach schwieriger“, erzählt sie.
Denn nicht alles im Leben der Nomad:innen sind Rotwein, Meer und Bifanas (typische portugiesische Sandwiches).
Melissa, 35, ist IT-Projektmanagerin, aufgewachsen in Kärnten, mit Stationen in Vancouver und Schweden. Fast acht Jahre hat sie in Kanada gelebt, ein Jahr in Schweden studiert, seit 2019 lebt sie – mit Unterbrechungen – in Lissabon. Sie arbeitet remote für ein deutsch-österreichisches Unternehmen und pendelt zwischen Österreich und Portugal. Ihr Partner kommt aus Südtirol, die beiden haben sich in Lissabon kennengelernt.
Denn hier ein Leben aufzubauen wird den Nomad:innen leicht gemacht. Es gibt die Lisbon-Digital-Nomads-Meetups, Running Groups am Abend, Yoga im Park, Stand-up-Bühnen auf Englisch und auf Portugiesisch, bei denen man sich für einen fünfminütigen Speed-Talk bewerben kann. „Wenn man aktiv sein und neue Leute kennenlernen will, ist das hier sehr einfach“, sagt Melissa.
Ihr eigener Freundeskreis ist ein Sammelsurium aus aller Welt – Polinnen, Amerikanerinnen, ein paar portugiesische Freunde aus den ersten Jahren. „Ich habe eigentlich immer versucht, nicht nur mit Österreichern oder Deutschen meine Zeit zu verbringen“, sagt sie. Von den Leuten, die sie 2019 kennengelernt hat, sind mittlerweile 20 bis 30 Prozent wieder weggezogen – meistens aus beruflichen Gründen.
Im aktuellen Ranking der besten europäischen Städte für digitale Nomaden landet Lissabon 2026 auf Platz 8 von 35 untersuchten Städten, Porto auf Platz 10 – Kriterien sind unter anderem Mietkosten, Internetgeschwindigkeit und Sicherheit. International zählt Portugal ohnehin zu den gefragtesten Ländern für die Szene.
Was sich verändert hat, seit sie im letzten Jahrzehnt angekommen ist? Melissa spürt das vor allem an einem: der Miete. „Das Offensichtlichste, wovon auch jeder redet, sind die Mietpreise“, sagt sie – auch wenn sie das nicht allein den Nomaden anlastet, sondern vor allem Investor:innen und dem allgemeinen Markt. 2019, vor Corona, sei die Stadt noch entspannt gewesen; ein Vermieter habe ihr damals sogar zugeredet, eine Wohnung günstig zu kaufen. Dann kam die Pandemie und danach der große Boom. „Plötzlich wollte jeder nach Lissabon.“ Inzwischen beobachtet sie, wie sich der Markt langsam wieder beruhigt: Eine Wohnung in Lissabon kostet mittlerweile oft genauso viel wie in Wien, günstiger ist es höchstens noch im Vergleich zu Paris.
Was in Auswanderungs-Reels ebenfalls selten vorkommt: die „Honeymoon-Phase“ hat ein Ablaufdatum. „Die ersten drei Monate sind super, alles ist neu und aufregend“, sagt Melissa. „Danach merkt man: Es ist nicht alles einfach, man muss sich organisieren.“ Ihr Rat: dem Ganzen mindestens ein Jahr geben, bevor man weiß, ob es passt – bis man seine Routine hat, sein Café, sein Yogastudio.