Tag 4: Grenzen des Selbstbilds

Von Milena Österreicher

Dänemark hat international meist einen guten Ruf: progressiv, modern und egalitär. Das kommt nicht von ungefähr: Der dänische Wohlfahrtsstaat bietet breit zugängliche Gesundheitsversorgung, Bildung und stark geförderte Kinderbetreuung. Bei digitaler Verwaltung liegt das Land ganz vorne. Bei der Verteilung von Zeit und Sorgearbeit liegt es EU-weit auf Platz eins. Auch beim Klimaschutz setzt es sich ambitionierte Ziele, so kamen 2024 bereits knapp 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen, mehr als die Hälfte allein aus Windkraft.

Welche Ungleichheiten das progressive Selbst- und Außenbild überdecken kann, darüber spreche ich mit Diskriminierungsforscherin Mira Chandhok Skadegård. Sie ordnet das dänische Selbstbild in das Forschungskonzept des sogenannten Nordic Exceptionalism ein und zwar als Vorstellung von den nordischen Ländern als besonders egalitär, tolerant und progressiv. Dieses könne aber zugleich auch den Blick auf Rassismus, Diskriminierung und die eigene koloniale Geschichte erschweren.

Mira C. Skadegård ist Diskriminierungsforscherin und gründete im August 2026 gemeinsam mit Hans Henrik Goth in Kopenhagen das Center for Diversity. Damit wollen sie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Diversität und Diskriminierung stärker in die Praxis von Unternehmen und Organsiationen bringen.

Wer überzeugt ist, bereits besonders gleichberechtigt und diskriminierungsfrei zu sein, erkenne Ungleichheit oft schwerer. Statt nach Strukturen zu fragen, werde Diskriminierung schnell als Frage individuellen Fehlverhaltens verstanden. Viel weniger selbstverständlich sei die Frage, wie Institutionen, historische Entwicklungen oder alltägliche Routinen Ungleichheiten reproduzieren. Dazu komme, dass Forschung zu Rassismus und struktureller Diskriminierung in Dänemark lange wenig Raum bekommen habe. Noch in den 1990er- und 2000er-Jahren sei Forscher:innen vermittelt worden, Diskriminierung sei für den dänischen Kontext kein relevantes Forschungsthema. Das habe sich verändert, sagt Skadegård – aber langsam.

Auch die Gleichstellungsdebatte selbst greift aus ihrer Sicht häufig zu kurz. Wenn von Frauen die Rede ist, gehe es oft implizit um weiße, heterosexuelle Frauen. Nicht-weiße Frauen, Frauen mit Behinderungen oder queere Frauen seien wesentlich weniger sichtbar. Gleichstellung werde im nordischen Kontext häufig vor allem als Geschlechterfrage behandelt. Das geschehe nicht unbedingt bewusst, betont Skadegård. Gerade weil Rassismus nicht als Teil des eigenen gesellschaftlichen Selbstbildes wahrgenommen werde, könne er leichter übersehen werden.

Trotz ihrer Kritik sieht Skadegård Bewegung. Jüngere Menschen hätten heute mehr Begriffe und Wissen, um über Diskriminierung zu sprechen. Auch die Fragen, die Journalist:innen ihr stellen, hätten sich verändert: Früher sei es häufig darum gegangen, ob Diskriminierung in Dänemark überhaupt existiert. Heute gehe es viel öfter darum, wie sie entsteht und in welchen Situationen sie sichtbar wird. Gleichzeitig erlebe sie bei Unternehmen und Organisationen ein wachsendes Interesse daran, nicht nur über Diversität zu sprechen, sondern besser zu verstehen, warum bisherige Maßnahmen oft wenig verändern.

In der Königlichen Bibliothek lässt es sich wunderbar arbeiten - und im Cafébereich auch mit anderen ins Gespräch kommen.

Nach dem Gespräch setze ich mich in die Königliche Bibliothek, um die bisherigen Eindrücke und Gespräche zu sortieren. In der Cafeteria komme ich mit zwei jungen Frauen am Nebentisch ins Gespräch. Blanca und Marlene arbeiten seit rund zwei Jahren in Tech-Unternehmen in Kopenhagen. Beide haben in Dänemark studiert, kommen aber ursprünglich aus Spanien und Deutschland. Sie erzählen von einer langen und schwierigen Jobsuche: Ohne sehr gute Dänischkenntnisse und ein starkes Netzwerk sei der Einstieg schwer. Und selbst im Job hätten sie oft noch das Gefühl, sich besonders als junge Frauen stärker beweisen zu müssen als andere. Das Gespräch fügt sich damit für heute passend in den Realitätscheck von Dänemarks Selbst- und Außenbild ein.

Zurück
Zurück

Tag 3: Die Lebensrealitäten der Nomad:innen

Weiter
Weiter

Tag 2: Die Historie hinter dem Phänomen