Tag 4: Goldene Ketten
Mein letzter Recherchetag führt mich nach Herceg Novi, eine Stadt nahe der kroatischen Grenze. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner sind hier serbischstämmig, so auch der Buchautor und Besitzer der Buchhandlung „Sor“ am Hauptplatz. Zur Begrüßung gibt es einen selbst gebrannten Rakija und er zeigt uns seine Bücher, einige wurden ins Chinesische übersetzt. Von der Politik im Land fühlt er sich hintergangen. Die pro-serbische Partei von Andrija Mandić nähere sich plötzlich der EU an und entferne sich damit von den „großen Brüdern“ Serbien und Russland. Große Brüder, weil man dieselbe Religion teile. Und Religion spielt im Leben von Nikola Malović eine zentrale Rolle. Den Europäern fehle hingegen das geistliche Rückgrat. Die EU schlucke als riesiger Apparat das kleine Land und lege es in goldene Ketten.
Malović spricht eigentlich ganz gut Englisch, doch bei Identitätsfragen verfällt er ins Serbische. Dann springt meine Übersetzerin Mili ein. Ihre eigene Meinung zum EU-Beitritt Montenegros habe sich in den vergangenen Tagen durch die vielen Gespräche mit unterschiedlichen Perspektiven verändert, erzählt sie. Die Angst vor Identitätsverlust und um den Glauben werde zu oft von politischen Akteuren geschürt.