Tag 5: Der Schatten des Krieges
Die Bucht von Kotor von oben.
Heute ist mein letzter Tag der Recherchereise und es geht für mich wieder zurück nach Podgorica. Zuvor mache ich noch einen Zwischenstopp in Kotor und lasse bei einer Wanderung die letzten Tage Revue passieren. Meine Recherchefrage: „Warum hemmt die Serbisch-Orthodoxe-Kirche den EU-Beitritt?“ muss ich revidieren. Die eine Hälfte der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Montenegro unter Joanikije spricht sich öffentlich für einen EU-Beitritt aus, auch wenn Beobachter dem misstrauisch gegenüberstehen. Die zweite Hälfte unter Metodije äußert sich nicht öffentlich zum EU-Beitritt, wird allerdings als sehr EU-kritisch und gegenüber den politischen Mächten in Belgrad gehorsam eingestuft. Sorgen und Bedenken, die ich immer wieder gehört habe, betreffen LGBTIQ-Rechte in der EU und Migration aus muslimischen Ländern. Historisch, strukturell und personell ist die serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro särker mit Serbien und Russland verbunden.
Was sich durch alle meine Gespräche zieht, ist der Schatten des Jugoslawienkrieges und die Gräben, die noch immer die Gesellschaft spalten. Montenegro ist ein multiethnischer Staat und der einzige auf dem Balkan, in dem keine Ethnie eine absolute Mehrheit stellt. Als Jugoslawien Anfang der 90er Jahre zu zerfallen begann, bekriegten sich nicht namenlose Fremde, sondern Nachbarn. Im Kosovokrieg 1999 wurde Montenegro nicht von Russland angegriffen, sondern die NATO bombardierte die Brücken in Podgorica. Um das Land besser zu verstehen, darf man nicht die jüngere Geschichte nicht vergessen.