Tag 5: Kleine Insel, viele Welten

Es gibt zwei Arten von Menschen. Welche, die die Menschheit in zwei Arten von Menschen einteilen, und solche, die das nicht tun. In Hinblick auf das politische System auf Malta ließe sich sagen, es gibt Anhänger der Labour Party und es gibt Anhänger der Nationalist Party, sozialdemokratisch oder konservativ. Im historisch gewachsenen de facto Zweiparteiensystem des kleinen Inselstaates gibt es kaum Platz für einen dritten Weg. Aktuell regiert seit 2013 Labour.

Einer der wenigen, die mit diesem Dualismus zu brechen versucht haben, ist Arnold Cassola. Er ist eigentlich Professor für Literaturwissenschaften, ist aber lange Zeit seines Lebens politisch aktiv gewesen. Vor allem hat er 1989 mit der Grünen Partei eine Alternative zu den etablierten Großparteien mitgegründet. Außerdem war er jahrelang Generalsekretär der Europäischen Grünen Partei in Brüssel und weiß dementsprechend viel über das Verhältnis zwischen Malta und der EU zu berichten. Ich treffe ihn zu einem Gespräch.

Auch er kann den Freispruch Yorgen Fenechs nicht nachvollziehen. Für Cassola zeigt sich anhand des aufsehenerregenden Prozesses aber vor allem, was in Maltas insgesamt falsch läuft. Aus dem Mordfall um Daphne Caruana Galizia ist gesellschaftlich eine Pro- oder Contra-Regierungsfrage geworden, die Journalistin war eine lautstarke Kritikerin der vergangenen Labour-Regierung unter Premierminister Joseph Muscat. Das politische System sei grundsätzlich klientelistisch aufgebaut, persönliche Netzwerke seien wesentlich.

Diese wiederum seien zu den wirtschaftlichen Akteuren des Landes besonders ausgeprägt, vor allem zu den großen Bauunternehmen. Maltas wirtschaftspolitischer Weg habe zwar zu einem Boom in einigen Branchen geführt, doch hat dieser viele Schattenseiten: neben gravierenden Umweltproblematiken durch den Bau von immer neuen Immobilien hat sich auch die Demographie des Landes stark verändert. Ein Drittel der Einwohner Maltas sind ausländische Staatsbürger, einerseits wohlhabende Businessmänner und -frauen, andererseits billige Arbeitskräfte aus asiatischen Ländern wie Nepal oder Indien. Auch die Mietpreise sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Eine Folge davon sei laut Cassola, dass Malta in der EU die niedrigste Geburtenrate hat, sie liegt bei einem Wert von nur ca. 1 Kind pro Frau.

Auch zum Verhältnis von Malta und der EU hat Cassola spannende Einblicke. Aber davon mehr in meinem entstehenden Artikel, es soll ja nicht alles an dieser Stelle verraten werden. Nur so viel: der Beziehungsstatus ist kompliziert.

Das Interview mit Cassola ist mein letzter offizieller Programmpunkt auf Malta, morgen geht es zurück nach Wien. Nach einer Woche intensiver Auseinandersetzung bleibt der nachhaltige Eindruck eines Landes, in dem trotz seiner überschaubaren Größe so viele verschiedene Realitäten aufeinanderprallen, dass es nicht immer einfach ist, den Durchblick zu behalten. Die Lebenswelt dieser Insel nur in zwei zu teilen, reicht zu diesem Zweck jedenfalls sicherlich nicht aus.

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Tag 4: Dicht bebautes Land