Tag 4: Dicht bebautes Land

Den heutigen Tag nutze ich, um alle bisher gesammelten Informationen zu ordnen, ich bearbeite die geführten Interviews nach und bereite ein weiteres für morgen vor. Vor allem aber stehe ich im Austausch mit der maltesischen Generalstaatsanwaltschaft. Nachdem diese erst vor zwei Tagen Berufung gegen das vorerst mit einem Freispruch für Yorgen Fenech abgeschlossene Verfahren eingelegt hat, sagt sie mir die Beantwortung einiger Fragen zu. Gleichzeitig weist sie auf die aktuelle Brisanz des Falls hin und bittet um Verständnis, zu diesem Zeitpunkt nicht mit allen Informationen an die Presse gehen zu können. Mal sehen, wie aussagekräftige die finale Rückmeldung sein wird.

Verständlich ist die Vorsicht jedenfalls. Direkt gegenüber vom Court of Justice in Valletta steht ein mit Kerzen und Blumen geschmücktes Mahnmal für die ermordete Journalistin, auf zahlreichen Schildern ist „Justice for Daphne“ zu lesen. An den Laternenmasten kleben schwarz-weiße Bilder von Yorgen Fenech im Stile von „Wanted“-Plakaten aus dem Wilden Westen. Auf den Websites der zwei großen Zeitungen „Times of Malta“ und „Malta Today“ handeln die obersten Meldungen auch heute wieder allesamt vom Daphne-Komplex. Die Stimmung ist merklich aufgeladen.

Um ein Gefühl für den Rest der Insel zu bekommen, erkunde ich ein paar weitere Städte. Eine Sache, die sofort auffällt, ist wie dicht bebaut Malta tatsächlich ist. Man kann ohne Weiteres mit dem Bus kreuz und quer über die ganze Insel fahren, ohne gefühlt jemals das Stadtgebiet zu verlassen. Die Übergänge von einem Ort zum nächsten sind fließend. Kein Wunder, dass Malta über keine nennenswerte Landwirtschaft verfügt, schließlich gibt es hier gar kein Land.

Die einzige Ausnahme bildet Gozo, die kleine Schwesterninsel Maltas. Hier ist es ruhiger, Firmensitze und gigantische Hotelkomplexe gibt es keine. Stattdessen ein paar grüne Wiesen und Felder, wenn auch nicht sehr viele. Weniger als zehn Prozent der Bevölkerung leben hier, doch produzieren sie etwa 60 Prozent der Landwirtschaftsgüter. Die Insel kämpft mit Bevölkerungsschwund, vor allem junge Menschen verlassen Gozo, denn für Jobs mit Zukunftspotential oder einen Universitätsabschluss muss man auf die Hauptinsel.

Allerdings ist diese wirtschaftliche Schwäche auch eine ökologische Chance. Der wirtschaftliche Aufschwung auf Malta hat bewirkt, dass beinahe jeder Quadratmeter verbaut ist, was neben sozialen Folgen wie steigenden Immobilienpreisen auch zu Umweltproblemen führt. Auf Gozo hingegen strebt man danach, zum ökologischen Vorzeigemodell zu werden. Das kann über wachsende Tourismuszahlen hinaus auch ökonomisch interessant sein, denn wie nachhaltig der Boom im iGaming- und Finanzbereich auf Malta wirklich ist, darüber spalten sich die Meinungen. Um über wirtschaftliche Alternativen nachzudenken, lohnt sich also ein Blick nach Gozo.

Auch von der Aufregung im Daphne-Fall scheint man hier etwas weiter weg zu sein. Mahnmale sehe ich hier keine. Auch in einem so kleinen Land wie Malta gibt es offensichtlich Orte, die von der aufgeladenen Stimmung relativ unberührt bleiben.

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Tag 4: Pipelines, Baustellen und kein Helikopter-Flug