TAG 5 - Zeit für Umwege
Eizellen kann man konservieren, Eindrücke nicht. Im Wettlauf gegen das Vergessen mag man Notizblöcke vollschreiben, Gespräche aufzeichnen oder Bildersammlungen anlegen. Dennoch bleiben langfristig vor allem Geschichten und Anekdoten in Erinnerung. Sie tauchen oft an unerwarteten Ecken auf - etwa, nachdem ein Interview bereits beendet und eine gewisse Vertrauensbasis aufgebaut wurde. Die folgenden zwei Anekdoten stachen für mich heraus:
Nachdem ich die Tonaufnahme beendet habe, schildert mein Gegenüber eine Erinnerung aus ihrem Arbeitsalltag. Eine Mutter habe bei ihr angerufen. Die Frau wollte ihren 30-jährigen Töchtern das Eizelleneinfrieren finanzieren. Ob sie einen Mengenrabatt haben könnte? Der Anruf habe der Klinik-Mitarbeiterin verdeutlicht, dass Fragen zu Fruchtbarkeit generationsübergreifend sind. Die Dame erhielt den Rabatt.
Eine weitere Frau war Anfang 20, als sie vor rund zehn Jahren ihre Eizellen einfrieren ließ. Der Schritt habe ihr "peace of mind" (Seelenfrieden) gegeben. Letztendlich sei sie auf natürlichem Weg schwanger geworden und habe die konservierten Eizellen nicht benötigt. Die Behandlung habe sie damals auch ihrer Schwester ans Herz gelegt. Die Schwester ist heute Mitte 40. Sie überlegt noch immer, was sie mit ihren eingefrorenen Eizellen tun soll.
Dank der Eurotours-Recherche habe ich mir ein Bild von Theorie und Praxis rund um Social Egg Freezing machen dürfen. Ohne die Gespräche mit Expertinnen aus Bioethik, Embryologie, Molekularbiologie und Rechtswissenschaften wäre das nicht möglich gewesen.
Zeit ist ein Luxus, der im Journalismus oft zu kurz kommt. Mit dieser Reise wurden mir fünf Tage geschenkt, um auf Umwegen unerwarteten Erkenntnissen nachzugehen. Was als Recherche über Social Egg Freezing begann, führte mich zu Fruchtbarkeitsproblemen von Männern, Debatten über IVF und Interessenskonflikten auf höchster politischer Ebene.