Vertrieben vom Tourismus?

Tag 5:

Für meinen letzten Tag in Paris ist noch ein Recherchepunkt offen: Bisher habe ich mir vor allem die äußeren Arrondissements und Vororte der Stadt angeschaut – vor meiner Abreise möchte ich deshalb noch einen Abstecher ins zentral gelegene, historische Viertel Marais im 3. und 4. Arrondissement machen. Wie bereits erwähnt, ist hier die Gentrifizierung bereits weit fortgeschritten.

Charmant, romantisch, trendig – mit solchen Adjektiven wird das Viertel gerne auf zahlreichen Reiseplattformen beschrieben. Für Tourist:innen ist Marais längst kein Geheimtipp mehr – es zählt zu den ältesten Vierteln von Paris und beherbergt unter anderem das Hôtel de Ville, das Pariser Rathaus. Zwischen dem 3. und 4. Arrondissement treffen hier mittelalterliche Gassen, bekannte Museen und schicke Boutiquen aufeinander – Geschichte, Kultur, Shopping und auch Kulinarik liegen dicht beieinander. Gleichzeitig gilt Marais als wichtiger Treffpunkt der LGBTQIA+-Community.

An der Metro-Station Saint-Paul, mitten in Marais, angekommen, spüre ich sofort das lebendige Flair des Viertels: Ein Kinderkarussell dreht seine Runden, gut besuchte Restaurants und Cafés reihen sich aneinander und die Menschen unterhalten sich in den verschiedensten Sprachen scheinbar darüber, wohin ihre Reise als Nächstes führt. Im Vergleich zu den anderen von mir besuchten Vierteln herrscht selbst in den Seitenstraßen reger Betrieb: Zahlreiche Geschäfte bieten Einkaufsmöglichkeiten, teils im gehobenen Preissegment.

Ankunft in Marais

Ich spreche mit dem Mitarbeiter eines Buchladens, in den vor allem Tourist:innen, aber auch Pariser Stammkund:innen kommen. Er selbst lebt im 11. Arrondissement, das touristisch deutlich ruhiger sei. Eine Mitarbeiterin einer Bäckerei nahe des Marché des Enfants Rouges bestätigt diesen Eindruck: In die Bäckerei kämen besonders viele Tourist:innen, weil die über 400 Jahre alte Markthalle – die älteste in Paris – viele Besucher:innen anziehe. Sie selbst pendle für die Arbeit aus einem Vorort westlich von Paris, wo das Leben deutlich lokaler und auch günstiger sei.

Der bekannte Marché des Enfants Rouges

Es braucht mehrere Anläufe, bis ich schließlich auch Bewohner:innen treffe, die tatsächlich im 3. oder 4. Arrondissement leben. Sie sind sich einig: Im Viertel sei in den vergangenen Jahren Vieles teurer geworden – von den Mieten bis zu den Restaurantpreisen. „Hors de prix“, also „unbezahlbar“, nennt es eine Frau. Paris sei zwar schon lange teuer gewesen, doch gerade in den inneren Bezirken, in denen die Gentrifizierung bereits weit fortgeschritten ist, seien die Preissteigerungen besonders spürbar. Das Viertel werde heute von der „Bourgeoisie“, also einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht, geprägt – ein Eindruck, der sich auch mit der Einschätzung von Sylvie Tissot deckt, die unter anderem zu Stadtpolitik und Gentrifizierung forscht. Gleichzeitig sei die Anzahl von Tourist:innen deutlich gestiegen – vor allem an den Wochenenden. Wie die Einheimischen damit umgehen? „Je m'adapte.“ (Ich passe mich an.), antwortet eine Frau wenig berührt – sie akzeptiere die Veränderungen einfach. Vor allem die älteren Bewohner:innen scheinen nicht in Erwägung zu ziehen, das Viertel zu wechseln – teilweise leben sie bereits seit Jahrzehnten hier.

Unterwegs in den Straßen von Marais

Ein weiteres Phänomen, das sich auch in meinen Gesprächen mit Pariser:innen aus anderen Arrondissements bestätigt: Eine Wohnung in Paris zu finden, ist generell schwierig. Man brauche ein gutes „réseau“, also ein gutes Netzwerk. Ein Mann aus dem 19. Arrondissement erzählt mir von mehr als 30 Wohnungsbesichtigungen – seiner Meinung nach ein echter Vollzeitjob. Insgesamt zeigt sich in meinen Straßenumfragen ein klares Bild: Die zentral gelegenen Viertel gelten als besonders touristisch und teuer, gleichzeitig aber auch als historisch und kulturell besonders bedeutend. Manche berichten außerdem, dass Bekannte ihr Viertel aufgrund der steigenden Preise verlassen mussten.

Zum Abschluss meiner Reise schaffe ich noch einen Abstecher zum Eiffelturm – ohne einen Blick auf das wohl bekannteste Wahrzeichen der Stadt kann ich Paris kaum verlassen. Mein Kopf schwirrt noch vor lauter Französisch – gleichzeitig freue ich mich, dass ich mich der Sprache wieder so angenähert habe.

Mein Fazit nach fünf Tagen Recherche in der französischen Hauptstadt: Paris verändert sich – und das weit über das Stadtzentrum hinaus. Vor allem in den Außenbezirken und im Nordosten der Stadt befindet sich das Stadtbild im Wandel. Die Olympischen Spiele 2024 haben Entwicklungen beschleunigt, die vielerorts schon davor begonnen haben: eine ausgebaute Infrastruktur, neue Wohnviertel und ein stärkeres Zusammenwachsen des Stadtkerns mit seinem Umland. Gleichzeitig zeichnen sich aber auch Schattenseiten ab: Steigende Mieten, Gentrifizierung und ein wachsender Druck auf dem Wohnungsmarkt beschäftigen die Menschen – egal ob im Zentrum oder in den Banlieues. Besonders interessant war für mich, wie unterschiedlich sich die einzelnen Arrondissements und Viertel präsentieren und wie sie trotz aller Veränderungen ihre eigene Identität bewahren. Viele Stadtentwicklungsprojekte befinden sich derzeit noch in der Umsetzung – umso spannender wird es sein, zu beobachten, wie sich Grand Paris in den kommenden Jahren weiterentwickelt. Für mich geht es jetzt aber erst einmal mit vielen neuen Eindrücken und spannenden O-Tönen für meine Audio-Reportage zurück nach Österreich. Merci et au revoir, Paris!

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