Auf den Spuren von Olympia

Tag 4:

Heute geht es für mich erneut über die Stadtgrenze von Paris hinaus – dieses Mal Richtung Norden, in den Vorort Saint-Denis, der direkt an der Seine liegt und vor allem durch die Olympischen Spiele 2024 weltweit in den Fokus gerückt ist. Hier fanden einige olympische Wettbewerbe statt und – gemeinsam mit den Gemeinden Saint-Ouen und L'Île-Saint-Denis – wurde auf einem ehemaligen Industriegelände das olympische Dorf errichtet. Fast 15.000 Athlet:innen und Betreuer:innen haben während der Olympischen Spiele hier gewohnt, für die Paralympics waren es noch einmal rund 9.000 weitere. Der Standort wurde dabei wohl nicht ganz zufällig gewählt: Die meisten Athlet:innen konnten ihre Wettkampfstätten in weniger als 30 Minuten erreichen. Seit 2025 wird das Olympische Dorf nun schrittweise in Wohnungen umgewandelt – ich möchte mir anschauen, was sich seitdem getan hat.

Als Banlieue gilt Saint-Denis immer wieder als sozialer Brennpunkt – unter anderem aufgrund von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Das Olympische Dorf soll dazu beitragen, die Gegend langfristig als neues Stadtviertel aufzuwerten, indem die neu errichteten, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gebäude nach den Spielen als Wohnsiedlungen weiterbestehen – ein Ansatz, der bei Olympischen Spielen nicht neu ist. Beim olympischen Dorf angekommen, zeigt sich sofort der moderne Charakter des Viertels: Helle, schachtelartige Bauten erheben sich nebeneinander, gleichzeitig wirkt es erstaunlich ruhig, fast ein bisschen verlassen. Ich starte meine Tour auf der Saint-Denis-Seite des Dorfes und spreche mit einem Bäckerei-Besitzer – einem der wenigen Ladeninhaber:innen, die ich sehe und deren Geschäft geöffnet ist. Er hat zuvor in Paris gewohnt und ist nun für einen Neustart mit seiner Bäckerei in den Vorort gezogen.

Ankunft im olympischen Dorf

Die Bäckerei ist noch neu im Viertel, sie hat erst seit rund drei Monaten geöffnet. Stéphane erzählt, das Viertel habe noch keine Geschichte, es entwickle sich aber Stück für Stück weiter – im Gespräch fällt auch der Begriff „Grand Paris“. In den heißen Sommermonaten sei es aber generell besonders ruhig. Die Miete hier sei zwar in Ordnung, im Vergleich zu anderen Vierteln aber dennoch hoch.

Stéphane in seiner Bäckerei

Ich spaziere weiter über die Seine auf die Île-Saint-Denis. Dort treffe ich Ghislaine, eine junge Mutter, die seit Dezember 2025 mit ihren Kindern im ehemaligen Olympia-Dorf wohnt. Sie erzählt, wie schwierig es war, eine Sozialwohnung zu bekommen – es sei ein langer Prozess gewesen, beim zweiten Versuch habe es schließlich geklappt. Sie fühle sich hier sehr wohl, vor allem aufgrund der familiären Atmosphäre und der unmittelbaren Nähe zur Seine, und hoffe, nun langfristig hierbleiben zu können. Besonders die Ruhe im Viertel empfindet sie als positiv.

Übergang auf die Île-Saint-Denis

Bei meinem Besuch ist in diesem Teil des Viertels durch das Sommerprogramm für Kinder trotzdem einiges los. Gleichzeitig fällt auf, wie entspannt die Atmosphäre ist: Ghislaines Sohn kann während unseres Gesprächs problemlos alleine mit dem Fahrrad herumfahren und auf dem Spielplatz toben. Allgemein wirkt es im Olympia-Dorf im Vergleich zu den anderen von mir besuchten Orten deutlich weniger städtisch. Auch für Ghislaine fühlt sich das Viertel nicht wie Grand Paris an – unter anderem, weil sie aufgrund ihrer Kinder oft auf das Auto zurückgreift. Manche Einrichtungen, etwa eine Post, würden in unmittelbarer Nähe noch fehlen.

Auch in diesem Teil der neuen Wohnanlage ist es, abgesehen vom Ferienprogramm, ruhig. Die Gehwege sind teilweise menschenleer, immer wieder sehe ich Schilder mit der Aufschrift „à vendre“ oder „à louer“, also „zu verkaufen“ und „zu vermieten“. Manche Gebäude scheinen noch komplett leerstehend zu sein. Ich versuche, eine direkt am Gelände gelegene Immobilienfirma aufzusuchen, die damit wirbt, dass Interessierte Wohnungen im Herzen des Dorfes der Athlet:innen erwerben können. Trotz angeblicher Öffnungszeiten ist die Tür aber leider verschlossen.

Menschenleere Gassen im Olympia-Dorf

Auf meinem weiteren Rundgang treffe ich auf die junge Frau Alia, die schon seit 2019 in Saint-Denis, unweit des olympischen Dorfes, wohnt und die Entwicklungen direkt miterlebt hat. Laut ihr wohnen jetzt viele Familien mit Kindern hier, auch ein Studierendenheim gibt es. Sie spricht von einer Aufwertung des Viertels – vor allem aufgrund der höheren Sicherheit und neuen Einkaufsmöglichkeiten. Generell scheint auf dieser Seite der Seine, anders als auf der Île-Saint-Denis, bereits ein größerer Teil der Wohnungen vermietet zu sein. Dennoch wird es wohl noch dauern, bis das Viertel vollständig entwickelt ist: Am Ende meines Rundgangs durch das Olympia-Dorf komme ich an einer Baustelle vorbei, auf der gerade ein Schulkomplex mit 18 Klassen gebaut wird, der bis 2027 fertiggestellt werden soll.

Spaziergang über den Place Olympique

Bauarbeiten für einen neuen Schulkomplex

In meinen bisherigen Recherchen bin ich immer wieder auf das sogenannte „Grand Paris“, also „großes Paris“, gestoßen – vor allem in Verbindung mit Saint-Denis. Aber was bedeutet das eigentlich? Grundsätzlich handelt es sich um ein lange geplantes Projekt, das die Metropolregion Paris neu strukturieren soll, sodass die französische Hauptstadt und ihre Vororte stärker zusammenwachsen. Eines der größten Projekte in diesem Zusammenhang ist der Grand Paris Express – ein gerade entstehendes Verkehrsnetz im Großraum Paris, das die Stadt mit ihrem Umland besser verbinden soll. Rund 200 Kilometer neue Gleise, größtenteils im Untergrund, sind Teil des Bauprojekts. Seit 2016 wird daran gebaut, bisher wurden zwei bestehende Linien verlängert, mindestens vier weitere sollen folgen. Die Linie 14 ist die erste vollständig fertiggestellte Linie des Grand Paris Express, die seit Juni 2024 in Betrieb ist und ihre Endstation in Saint-Denis hat – die Entwicklung hier hat sich im Zuge der Olympischen Spiele zusätzlich beschleunigt.

Mein nächster Stopp: Der Bahnhof Saint-Denis Pleyel, ein wichtiger Knotenpunkt für den Grand Paris Express. Schon auf dem Weg zum Bahnhof fallen mir mehrere Schriftzüge auf: „Le Grand Paris commence ici.“ (Der Großraum Paris beginnt hier.), „Ici vous êtes au cœur du Grand Paris.“ (Hier sind Sie im Herzen des Großraums Paris.) und „Préparez-vous à aller partout plus vite.“ (Machen Sie sich bereit, überall schneller hinzukommen.). Der Bahnhof wirkt durch die Verglasung modern – ganz anders, als ich einen Bahnhof im Banlieue erwartet hätte, und von innen fast ein bisschen futuristisch. Das Gebäude erstreckt sich insgesamt über mehr als 30.000 m² und neun Ebenen, davon vier unterirdisch. Eine große Glasfläche an der Decke sorgt dafür, dass helles Tageslicht bis in die unteren Etagen fällt. Aktuell ist nur die Linie 14 in Betrieb, bis 2031 sollen an diesem Knotenpunkt weitere Linien dazukommen.

Schriftzug auf dem Weg zum Bahnhof

Der Bahnhof Saint-Denis Pleyel von außen

Der Bahnhof Saint-Denis Pleyel von innen

Vom Bahnhof aus geht es für mich weiter über den Fußgänger:innen-Steg „FUP“ (Franchissement Urbain Pleyel) – eine seit Mai 2024 eröffnete Brücke über die Gleise, die auch für die Olympischen Spiele eine wichtige Rolle spielte: Sie verbindet das olympische Dorf im Westen mit dem Stade de France und dem für die Spiele errichteten Wassersportzentrum im Osten.

Der Fußgänger:innen-Steg „FUP“

Ich spreche mit Passant:innen, die teilweise aus Saint-Denis kommen, teilweise auch aus Paris zur Arbeit pendeln – was durch die Linie 14 nun deutlich schneller geht. Die von mir angesprochenen Personen sind sich einig: Im Vorort gab und gibt es viele Veränderungen – durch die neue Infrastruktur, die Olympischen Spiele und die von Paris ausgehende Gentrifizierung, durch die immer mehr Menschen ins Banlieue ausweichen. Bewohner:innen, die schon länger hier wohnen, berichten in weiterer Folge auch in Saint-Denis von steigenden Preisen.

Die Nachwirkungen der Olympischen Spiele werden grundsätzlich positiv wahrgenommen – so auch das neu errichtete Wassersportzentrum, das „Centre Aquatique Olympique“, das gemeinsam mit der Arena in La Chapelle zu den einzigen dauerhaft neu errichteten Sportstätten der Olympischen Spiele 2024 zählt. Das Zentrum soll ein sportlicher Treffpunkt im Banlieue sein, der sich über den Fußgänger:innen-Steg FUP gut zu Fuß erreichen lässt. Allerdings liegen alle olympischen Einrichtungen, die ich besuche, etwas außerhalb des eigentlichen Stadtzentrums von Saint-Denis. Im Schwimmzentrum gibt es verschiedene Programme und Aktionen für die Kinder und Jugendlichen aus dem Vorort – aktuell ist das Zentrum aber aufgrund der Europäischen Schwimmmeisterschaften geschlossen. Ab Anfang September steht die Einrichtung wieder der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine weitere Fußgänger:innen-Brücke verbindet übrigens das Wassersportzentrum mit dem Vorplatz des Stade de France, das für die Fußball-WM 1998 gebaut wurde und 2024 Austragungsort der Leichtathletikwettbewerbe sowie der Abschlussfeier der Olympischen Spiele war.

Das Centre Aquatique Olympique

Das Stade de France

Auf meinem Rückweg Richtung Pariser Stadtzentrum bestätigt sich schließlich mein Eindruck, dass die Olympischen Spiele das architektonische Stadtbild von Saint-Denis verändert haben: Die neuen Bauten und die neue Infrastruktur unterscheiden sich deutlich von den übrigen Teilen des Banlieues, die vermehrt noch einen eher vorstädtischen Charakter haben. Eines nehme ich von diesem Tag auf jeden Fall mit: Saint-Denis hat eine eigene Identität, die sich auch sprachlich bemerkbar macht – viele Bewohner:innen sprechen mit einem eigenen Dialekt. Es wird in den nächsten Jahren spannend bleiben, zu beobachten, wie sich die an Paris angrenzenden Gemeinden weiterentwickeln. Auch abseits von Olympia hat sich in Saint-Denis bereits einiges verändert – unter anderem durch einen neuen Universitätscampus, der in den vergangenen Jahren entstanden ist.

Nach diesem intensiven Recherche-Tag lasse ich meinen Tag mit einem Spaziergang ausklingen – und sehe den Ballon mit der Olympischen Feuerschale von Tag 1 nun auch in der Dunkelheit am Himmel schweben. Ein passender Abschluss für diesen Tag ganz im Zeichen der Jeux Olympiques!

Die Olympische Feuerschale bei Nacht

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