Tag 1: Eine Stadt zieht um
Wer in Kiruna lebt, tut das nicht wegen der schönen Stadt. Egal wohin man blickt, sieht man das Herz dieses Ortes und den Grund, weshalb es ihn überhaupt gibt: die Mine. Dass in den Bergen von Schwedisch Lappland hochwertiges Eisenerz liegt, war schon lange bekannt. Abbauen ließ es sich lange nicht da die Region zu abgelegen war und die damalige Technik das phosphorhaltige Erz noch nicht verarbeiten konnte. Erst im Jahre 1900 begann der eigentliche industrielle Abbau, im selben Jahr entstand auch die Stadt.
Existenzgrundlage und Bedrohung
Seither hat sich die Landschaft rundherum grundlegend verändert. Berge wurden Stück für Stück abgetragen, ein See wurde in großen Teilen abgepumpt, und über der Grube sackt der Boden nach. Risse ziehen sich durch das Gelände, die Zone wird Jahr für Jahr größer da immer weiter ins Erdinnere gegraben wird zum einen fürs Eisenerz, doch seit neustem auch für die seltenen Erden.
Bis spätestens 2035 werden an diesem Ort keine Gebäude mehr stehen.
Dadurch wird der Boden immer innstabiler und die Gefahr das Gebäude einstürzen wächst mit jedem Tag. Bis 2035 müssen deswegen rund 12.000 Menschen, zwei Drittel der Stadtbevölkerung, ihr Zuhause verlassen. Ein Teil von Ihnen ist bereits umgezogen. Der staatliche Bergbaukonzern LKAB lässt dafür einen komplett neuen Stadtkern hochziehen, einige Kilometer östlich des alten. Gebäude ohne besonderen Schutzstatus werden abgerissen.
Zwei Städte
Den heutigen Tag habe ich genutzt, um mir beide Stadtteile genauer anzusehen. Meine Tour begann im historischen Zentrum. Dass es das in zehn Jahren nicht mehr geben wird, ist schwer zu glauben, und trotzdem wirkt es schon heute wie ausgestorben. Das könnte aber auch am Wetter liegen. Mit neun Grad und strömendem Regen hat mich Kiruna nicht gerade herzlich empfangen.
Hier entstehen neue Wohnhäuser, finanziert durch den staatlichen Bergbaukonzern LKAB
Je näher man dem neuen Zentrum kommt, desto mehr Bewegung. Überall rollen Lastwagen und Baumaschinen, es wird gebaut, und zwar schnell. Trotzdem wirkt alles steril und künstlich, von einem echten Stadtgefühl kann hier noch keine Rede sein. Auch die Menschen die ich hier auf der Straße anspreche, sind nicht besonders redselig. Die meisten bevorzugen den Komfort der „neuen“ Stadt. Nur einige trauern dem „alten“ Kiruna nach.
Eine Kirche zieht um
Damit wenigstens etwas vom alten Kiruna übrig bleibt, werden einzelne historische Gebäude versetzt. Prominentestes Beispiel ist die über 100 Jahre alte Holzkirche, deren Transport im August 2025 weltweit für Schlagzeilen sorgte. Das über 672 Tonnen schwere Gebäude wurde während zwei Tagen rund 3 Kilometer geschoben. Nah dran kam ich an die Kirche leider nicht, den überall rundherum ist derzeit eine große Baustelle.
Die berühmte Holzkirche ist derzeit von einer Baustelle umgeben.