Von Quartier zu Quartier
Tag 3:
Neuer Tag, neue Arrondissements – und sogar darüber hinaus. Für mich geht es heute nämlich in die an den Osten von Paris angrenzende Stadt Montreuil und damit zum ersten Mal in das Département Seine-Saint-Denis. Dort treffe ich meine Interviewpartnerin Sylvie Tissot, die zu Stadtpolitik, sozio-räumlicher Segregation, Gentrifizierung und den Veränderungen des öffentlichen Raums forscht.
Sylvie Tissot
Das Interview bestätigt und erweitert meine bisherigen Erkenntnisse: Die Gentrifizierung einzelner Pariser Stadtteile reicht bis in die frühen 1980er-Jahre zurück und hat in den vergangenen Jahren erneut an Dynamik gewonnen – vor allem im Nordosten von Paris und mittlerweile auch über die Stadtgrenzen hinaus. Während der Prozess im zentral gelegenen Viertel Marais (3. und 4. Arrondissement) bereits weit fortgeschritten ist, befinden sich heute eher die äußeren Bezirke wie das 10., 11. und 20. Arrondissement weiterhin im Wandel. Den 18. Bezirk, den ich gestern erkundet habe, beschreibt Sylvie Tissot als besonders polarisierend – geprägt von starken sozialen Unterschieden und einer fortschreitenden Gentrifizierung.
Wir sprechen außerdem über die Auswirkungen der Olympischen Spiele, die Rolle des Tourismus, politische Handlungsmöglichkeiten sowie über die Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus – auch für die Zukunft von Paris – und darüber, ab wann die Aufwertung eines Viertels überhaupt als Gentrifizierung bezeichnet werden kann. Auch typisch französische Begriffe wie „quartiers sensibles“, also soziale Brennpunkte, und “banlieues”, die Vororte und Außenbezirke, kommen zur Sprache.
In wohlhabenden Bezirken wie dem 7., 8. und 16. Arrondissement zeigt sich laut Sylvie Tissot das Phänomen der Segregation zudem besonders deutlich. Diese zentral gelegenen Arrondissements rund um Eiffelturm, Arc de Triomphe und Champs-Élysées haben sich – auch infolge der fortgeschrittenen Gentrifizierung – zu exklusiven Bezirken entwickelt und sind längst nicht mehr so sozial durchmischt wie früher.
Nach diesem aufschlussreichen – und wieder auf Französisch geführten – Gespräch bleibe ich länger als geplant in Montreuil, denn das Wetter hat mittlerweile auf Regen umgeschwenkt. So kann ich die Zeit im Café nutzen, um meine bisherigen Erkenntnisse einzuordnen. Bei besserem Wetter und mit klarerem Kopf geht es schließlich weiter zu einer französischen Mietschutzorganisation, die ihren Sitz in Montreuil hat. Anders als gestern geht mein Plan, persönlich vorbeizuschauen, nachdem meine schriftlichen Anfragen unbeantwortet geblieben sind, dieses Mal allerdings nicht auf – ich stehe vor verschlossenen Türen.
Kein Erfolg beim zweiten Stopp
Erfolgreicher verläuft dafür mein dritter Stopp: Ich schaue mir den aktuellen Stand des Stadtumbauprojekts an der Porte de Montreuil an, die das 20. Arrondissement mit Montreuil und Bagnolet verbindet. Seit April wird hier der ehemalige Verkehrsknotenpunkt zu einem über drei Hektar großen, begrünten Platz umgestaltet – auch bei meinem Besuch sind die Arbeiten in vollem Gange. Bis 2030 soll das Projekt abgeschlossen sein, außerdem sollen im Zuge dessen neue Einrichtungen entstehen.
Bauarbeiten an der Porte de Montreuil
Wie die Porte de Montreuil 2030 ausschauen soll
Am Nachmittag plane ich auf Basis meiner bisherigen Recherchen die nächsten Erkundungen. Für den Tagesausklang nehme ich mir eine Route von meinem Hotel im 10. Arrondissement entlang des Canal Saint-Martin Richtung Nordosten zum Gewässer Bassin de la Villette im 19. Arrondissement vor. Von dort geht es weiter am Wasser entlang und durch den Parc de la Villette, bevor ich schließlich Richtung Südosten nach Belleville ins 20. Arrondissement weiterziehe. Den Rückweg ins 10. Arrondissement trete ich anschließend wieder über den Kanal an. Ich gebe zu: Ich habe definitiv unterschätzt, wie weit die Wege tatsächlich sind. Gleichzeitig gibt mir das aber die Möglichkeit, die unterschiedlichen Viertel genauer zu beobachten.
Wie schon an Tag 1 fällt mir im 10. Arrondissement erneut auf, wie sehr die Bahnhöfe nach wie vor den Bezirk prägen. Umso überraschender ist der Kontrast zum Canal Saint-Martin: Nur wenige Straßen vom Gare de l’Est entfernt wirkt die Atmosphäre plötzlich ganz anders. Entlang des Kanals reihen sich gut besuchte Lokale aneinander, Menschen sitzen am Ufer und einige trauen sich sogar in das erstaunlich saubere Wasser. Die Sanierungsarbeiten rund um den Kanal, die Anfang 2024 begonnen haben, scheinen Wirkung zu zeigen. Das Projekt soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein und den öffentlichen Raum sowie Rad- und Fußwege aufwerten.
Canal Saint-Martin
Trotzdem bleibt das Viertel widersprüchlich: Die Gebäude sind größtenteils älter, Graffitis gehören zum Straßenbild und nur wenige Meter vom Kanal entfernt befinden sich Schlafplätze von Obdachlosen. Auch fällt mir auf, dass ich hier besonders oft nach Kleingeld gefragt werde.
Beim Übergang ins 19. Arrondissement sticht mir die Bahnüberführung ins Auge, die über den Straßen verläuft und zum industriellen Charakter des Arrondissements passt. Spannend finde ich zudem, wie frühere Aufwertungsprojekte aus den 1980er-Jahren heute für Freizeitangebote genutzt werden – etwa das Hafenareal rund um das Bassin de la Villette oder der Parc de la Villette.
Bahnüberführung zwischen dem 10. und 19. Arrondissement
Rund um das Bassin herrscht heute besonders viel Betrieb, was auch an Paris Plages liegt – dem kostenlosen Sommerprogramm der Stadt Paris. Im Juli und August gibt es über die Stadt verteilt Sportangebote, kreative Aktivitäten und Badestellen – unter anderem am Bassin de la Villette. Seit den Olympischen Spielen 2024 gibt es übrigens auch wieder die Möglichkeit, an ausgewählten Stellen in der Seine zu baden. Als ich am Bassin vorbeikomme, findet gerade ein Tanzkurs statt, andere lesen, spielen oder entspannen auf den Liegestühlen.
Sommerliche Atmosphäre am Bassin de la Villette
Der Parc de la Villette entstand ebenfalls im Zuge der Umgestaltung der 1980er-Jahre. Auf dem Gelände des ehemaligen Pariser Schlachthofs treffen sich heute Menschen zum Tanzen, Spazierengehen oder Picknicken. Für Kinder gibt es viele Möglichkeiten zum Spielen und sogar einen kleinen Bauernhof. Natur und Kultur gehen hier sichtbar ineinander über – die ehemaligen Industriegebäude werden bis heute für kulturelle Veranstaltungen und Freizeiteinrichtungen genutzt.
Der Parc de la Villette als Treffpunkt
Mein letzter Stopp für heute ist Belleville im 20. Arrondissement. Historisch war das Viertel ein Arbeiter:innen- und Einwanderungsviertel, heute gilt es als kreativer und angesagter Stadtteil, der gleichzeitig sozial weiterhin stark durchmischt ist. Bei meinem Rundgang fällt mir auf, wie sehr sich das Leben auf den Straßen abspielt: Die Restaurants und Bars sind gut besucht, auf der Rue de Belleville herrscht reges Treiben und verschiedenste Sprachen vermischen sich. Immer wieder sehe ich Graffitis, einige Ecken wirken aber vernachlässigt.
Die Rue de Belleville
Vom etwas höher gelegenen Parc de Belleville bietet sich – trotz der hohen Bäume – ein schöner Blick über Paris bis hin zum Eiffelturm. Hier treffe ich auch auf einige Tourist:innen. Immer wieder versuche ich, mit Anwohner:innen ins Gespräch zu kommen, die Unterhaltungen bleiben aber meistens kurz. Eine Passantin erzählt mir, dass sie die Gentrifizierung hier durchaus spüre und überlege, das Viertel zu verlassen. Ein anderer Bewohner berichtet, dass viele ursprüngliche Geschäfte im Laufe der Jahre verschwunden seien. Tourismus gebe es zwar, aber in einem überschaubaren Ausmaß.
Ausblick über Paris
Auch auf meinem Rückweg ist am Canal Saint-Martin noch einiges los – sogar mehr als zuvor. Einheimische und Tourist:innen sitzen am Wasser und lassen den Abend ausklingen. Einmal mehr endet mein Tag mit vielen neuen Eindrücken – und noch mehr Stoff zum Nachdenken.