Tag 5: Viel Vertrauen – aber nicht für alle

Von Milena Österreicher

Mein heutiger Termin führt mich zur ReDI School of Digital Integration in Kopenhagen. Die gemeinnützige Tech-Schule wurde 2015 in Berlin gegründet, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen. Die Idee: Menschen bringen Qualifikationen mit, während gleichzeitig Fachkräfte in der Tech-Branche gesucht werden, warum also nicht beides zusammenbringen? Seit 2019 ist ReDI auch in Dänemark aktiv. Hier richtet sich das Angebot gezielt an Frauen und nicht-binäre Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte. Am Kopenhagener Standort treffe ich Lill Hennschen und Başak Tüsüz vom ReDi-Team.

In Kopenhagen und Aarhus bietet ReDI derzeit zusammen rund 15 Kurse an: von digitalen Grundlagen über Data Analytics und Programmierung bis zu Cybersecurity und KI. Manche beginnen ganz ohne Vorkenntnisse, andere setzen etwa erste Python-Kenntnisse voraus. Unterrichtet wird größtenteils von Freiwilligen aus der Tech-Branche. Dazu kommen Career Coaching, Unternehmensbesuche und Netzwerktreffen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien hochqualifiziert, fänden in Dänemark aber zunächst keine Arbeit, die ihrer Ausbildung entspricht, erzählt Hennschen. Manche hätten zuvor als Ärztin und Arzt, Juristin und Jurist oder Wissenschaftlerin und Wissenschaftler gearbeitet und landeten nach dem Umzug in Gastronomie oder Reinigung. Hennschen erzählt, dass innerhalb von sechs bis zwölf Monaten rund 50 bis 60 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Einstieg in einen Tech-Job schaffen.

Lill Hennschen und Başak Tüsüz vom ReDi-Team.

Und das sei gar nicht so leicht: Der dänische Arbeitsmarkt sei vergleichsweise relativ geschlossen. Wichtig sei die Sprache, aber besonders auch Netzwerke und Vertrauen. Dänemark sei eine stark auf Vertrauen aufgebaute Gesellschaft: Babys schlafen vor Cafés im Kinderwagen, schon junge Kinder fahren allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln, auch Geschäftsbeziehungen beruhen stark darauf, dass Absprachen eingehalten werden. Doch Vertrauen entstehe leichter gegenüber Menschen, deren Sprache, Auftreten und Lebenswelt vertraut sind. Menschen von außen müssten dieses Vertrauen dagegen erst aufbauen und ihre Fähigkeiten oft stärker unter Beweis stellen. Wer dazugehören wolle, müsse sich stark an bestehende dänische Normen anpassen.

Başak Tüsüz kennt diese Hürden aus eigener Erfahrung. Sie kam für ihr Masterstudium nach Dänemark, ist ursprünglich Architektin. Nach mehreren beruflichen Stationen stellte sie fest, dass sie trotz ihrer Ausbildung kaum den Lebensstandard erreichen konnte, den sie sich vorgestellt hatte. Sie entschied sich für eine Tech-Ausbildung, weil es in diesem Bereich weiterhin vergleichsweise gute Jobchancen gibt. Über LinkedIn stieß sie auf ReDI, belegte einen Data-Analytics-Kurs und begann Python zu lernen.

Tüsüz erzählt mir von den Widersprüche ihres Lebens in Dänemark. Als Frau fühle sie sich in Kopenhagen sicherer als in vielen anderen Städten: nachts allein unterwegs sein, mit Rock Rad fahren, bisher kein Catcalling – für sie ist das ein großer Pluspunkt. Auf dem Arbeitsmarkt erlebt sie das Land dagegen als wesentlich weniger offen. Ohne dänische Netzwerke und als Nicht-EU-Bürgerin müsse sie sich immer wieder zusätzlich beweisen. Und an einem Job hängt für sie mehr als für viele andere: auch der Aufenthaltsstatus. Wer für sein Visum auf den Arbeitsplatz angewiesen ist, hat weniger Freiheit zu kündigen, wenn man etwa Rassismus oder Sexismus erlebt.

Mit all diesen Eindrücken, Gesprächen und Arbeitsplatzbesuchen fahre ich nun zurück nach Hause und nehme vor allem eines mit: Gleichstellungszahlen auf dem Papier sind wichtige Indikatoren, aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte.

In Dänemark werden viele Probleme von Politik, Wirtschaft und Organisationen erkannt, etwa der weiterhin stark nach Geschlechtern getrennte Arbeitsmarkt, und sehr konkrete Gegenmaßnahmen ausprobiert. Gleichzeitig wurde deutlich, wie sehr etwa auch Herkunft, Sprache, Netzwerke oder Aufenthaltsstatus prägen, welche Chancen jemand hat. Ich nehme deshalb nicht nur interessante Beispiele für Gleichstellungsmaßnahmen mit, sondern auch die Frage, wen diese Maßnahmen tatsächlich erreichen können.

Zurück
Zurück

Die Abwanderung junger Serbinnen und Serben

Weiter
Weiter

Tag 4: Über das Leben lachen