Tag 4: Über das Leben lachen
Gestern Abend sitze ich bei einer Stand-up-Comedy-Show zum Thema Leben in Lissabon. Fünf Comedians, Expats und Einheimische, erzählen abwechselnd über Dating, Rassismus, den großen Stromausfall und die EU-Staatsbürgerschaft. Alles auf Englisch. Zwischen den Lachern schwingt genau die Frage mit, die mich seit dem ersten Tag begleitet: Wem gehört diese Stadt eigentlich?
Diese Frage stelle ich auch Forscher Franz Buhr. Er lebt seit 13 Jahren in Lissabon und erforscht, wie Digital Nomads die Stadt verändern – und wie sie sich selbst dabei sehen.
Vor der Pandemie, erzählt Buhr, gab es Viertel, die er mit Brooklyn vergleicht: kleine Bars, Buchläden, Plattenläden, die nur existieren konnten, weil die Gegend billig und stigmatisiert war und dort vor allem Migrant:innen lebten. Mit Lissabons Aufstieg zur Kreativ- und Freizeitstadt verschwanden genau diese Orte zuerst – ersetzt durch Natural-Wine-Bars, vegane Schuhläden, Brunch-Lokale. Hübsch, aber mit Mieten, die sich nur noch größere Investitionen leisten können. Familienbetriebe wurden schlicht verdrängt. Stattdessen gibt es Coworking-Spaces und Cafés als Infrastruktur für Menschen, die ständig unterwegs sind und keine Zeit haben, soziale Bindungen aufzubauen.
Sein Blick auf Digitale Nomadinnen und Nomaden: „Gesellschaft ist das Einzige, was ihnen fehlt“, sagt Buhr. Fast alle Digital Nomads, mit denen er gesprochen hat, betonen, sie wollten sich mit Einheimischen verbinden, seien anders als Touristinnen und Touristen. In der Realität bleibt es meistens bei der Kassiererin im Supermarkt. Buhr nennt das Ergebnis „parallel cities“ – zwei Lissabons, die kaum verbunden nebeneinander existieren.
Seit Jahren gibt es in Lissabon Proteste rund um die Frage, wer ein Recht auf die Stadt hat – Digital Nomads sind dabei zur Zielscheibe geworden. Dabei ist, was sie tun, so von der Staatspolitik gewünscht. Nicht der Einzelne sei schuld, betont Buhr, sondern Staaten wie Portugal, die sich mit Steuerbefreiungen und dereguliertem Mietmarkt aktiv als günstiges Ziel positionieren – das Golden-Visa-Programm etwa wurde unter einer sozialistischen Regierung eingeführt. Genau darüber macht sich inzwischen auch die heimische Comedy-Szene lustig: „Lisboa é para os lisboetas“ – Lissabon gehört den Lissabonner:innen, nicht den Digital Nomads, ein Insider-Witz, den ich am Vorabend selbst gehört habe.
Wie viele Digital Nomads tatsächlich hier leben, lässt sich laut Buhr kaum seriös beziffern – EU-Bürgerinnen und Bürger brauchen kein Visum, viele bleiben unregistriert. Während meine Recherche-Reise beinahe zu Ende ist, bleibe ich mit dem Gefühl zurück, dass ich keine klare Meinung zu dem Problem dieser Stadt habe. Und das vielleicht auch völlig in Ordnung ist.