Tag 2: Die Historie hinter dem Phänomen
Den zweiten Tag verbringe ich bei schönen 32 Grad auf der Universität in Lissabon. Genauer gesagt am Institut für Geographie und Stadtentwicklung. Denn es gibt Gründe dafür, dass die Regierung von Lissabon ihre Türen vor vielen Jahren für Digital Nomads und Expats geöffnet hat und die erklärt mir Luís Filipe Gonçalves Mendes, der sowohl die EU als auch die portugiesische Regierung in diesem Thema berät.
Lissabon war schon immer eine Stadt, die Menschen aus aller Welt angezogen hat – touristisch war sie nie eine Randerscheinung, sagt Mendes. Den eigentlichen Bruch markiert aber die Finanzkrise 2008/2009: Portugal stand damals kurz vor dem Staatsbankrott. Um wieder auf die Beine zu kommen, setzte die Regierung gezielt auf Tourismus und ausländische Investitionen, um die städtische Wirtschaft anzukurbeln. Die Strategie ging auf – mit einem Nebeneffekt, den Mendes „Touristifizierung“ nennt, in Anlehnung an den bekannteren Begriff Overtourism.
Das Problem: Seit fünfzehn Jahren hat sich der Preis des Wohnen verdreifacht. Ein zentraler Treiber war laut Mendes das 2012 eingeführte Golden-Visa-Programm: Wer 250.000 Euro in eine Immobilie investierte, bekam eine Aufenthaltserlaubnis – fünf Jahre lang lief das so, später stieg die Schwelle für alternative Investitionen auf 500.000 Euro. Rund 6.000 bis 7.000 Visa seien ausgestellt worden, ein Investitionsvolumen von schätzungsweise acht bis neun Milliarden Euro, wovon etwa 90 Prozent in Immobilien floss.
Und mit den ausländischen Investoren veränderte sich die Stadt. Kleine Cafés, Tante-Emma-Läden, Fleischereien verschwinden zugunsten hochpreisiger, durchgestylter Ketten – „Retail-Gentrifizierung“ nennt er das. Die Bewohner:innen, sagt Mendes, spüren das sehr genau: Sie hören auf der Straße kein Portugiesisch mehr, fühlen sich wie Fremde im eigenen Viertel. Mendes spricht in diesem Zusammenhang von „indirekter Verdrängung“: Es entstehen Bedingungen, die die soziale Identität und das kollektive Gedächtnis eines Viertels systematisch auslöschen und so Druck auf die alteingesessene Bevölkerung ausüben, wegzuziehen.
Als Beispiel nennt er den Stadtteil Alfama. In den 80er Jahren lebten dort rund 25.000 Personen. Heute sind es weniger als 1.000. Es ist ein Stadtteil, der Tourist:innen anspricht, inzwischen nicht mehr schmuddelig sondern sauber und steril ist. Aber wo auch keine echten Menschen mehr leben. Er vergleicht es mit Venedig.
Und weil Digital Nomads tatsächlich vor Ort leben und nicht nur aus der Ferne investieren, ist ihr Einfluss auf die Retail-Gentrifizierung direkter und unmittelbarer spürbar als der klassischer Investor:innen. Gleichzeitig, so Mendes, seien viele von ihnen selbstkritisch: Sie wüssten um ihre Rolle im Prozess und wollten aktiv Teil der Gemeinschaft werden, weil sie sich selbst als Beitrag zu einer weltoffeneren, kosmopolitischen Atmosphäre verstehen. Ob dieser Wunsch auch Realität ist, darüber in den nächsten Tagen mehr.