Tag 4: Bleiben, wenn andere gehen
Um sechs Uhr morgens ging es heute vom Klosterfür uns los in den Mavrovo-Nationalpark. 8 Uhr Drehbeginn. Dachten wir. Um 9 Uhr ging es dann wirklich los. Ranger Goce und Professor Jane wollen uns etwas über Bäume erzählen und uns die Gegen zeigen. Goce meint: einen besseren Ort als Mavrovo gibt es nicht. Naja, das meinen ja viele von ihrem Heimatort. Aber Mavrovo ist besonders. Gerade zu dieser Jahreszeit. Die Wälder sehen fantastisch aus, die Bäche sind klar, der Honig schmeckt lecker und der Schnaps auch. Trotzdem sieht man auch hier, dass viele Menschen von diesem Ort weggegangen sind.
Immer wieder fahren wir an Geisterorten vorbei. Ruinen zeigen uns, wie das Leben hier einmal ausgesehen hat. Und auch die Biodiversität des Nationalparks leidet darunter. Weniger Menschen bedeutet weniger Schafe und Kühe. Weniger Schafe und Kühe bedeutet Verwaldung und Schwund der steppenhaften weiten Wiesen. Und auch Goce leidet darunter, dass so viele Menschen sich aus der Region verabschieden, denn auch sein ältester Sohn hat schon begonnen, Deutsch zu lernen. Es könnte Wien werden.
„Depopulation“ nennen sie das Problem hier - auf deutsch würde man vermutlich „Landflucht“ sagen. Da hilft auch die schönste Landschaft nicht.
Was dagegen schon eher hilft, sind Jobs. Und die finden wir an einem ungewöhnlichen Ort. Dem Kloster Jovan Bigorski. Pittoresk liegt es am Berg, alles hier ist sauber, sieht fertig aus und überall laufen die Mönche durch die Gegend. Weil der Ort so viel besucht wird, hat das Kloster vor einiger Zeit ein Hotel dazugesagt und ein Restaurant. Es sind Jobs entstanden. Und der Nachbarort bleibt bestehen. Dort siedeln sich sogar neue Familien an - unter besonderen Umständen. Denn das Kloster ist ein Zufluchtsort für Männer mit Suchterkrankungen. Hier können sie im Kloster ihren Entzug machen und bis zu einem Jahr leben. Viele bleiben danach in der direkten Umgebung des Klosters und gründen Familien. Ein kleines, aber immerhin ein Rezept gegen „Depopulation“.