Simon: Ist das der richtige Weg?

Alena: Laut Navi schon. Aber hier kommen wir nicht weiter.

An unserem dritten Tag gestaltet sich der Weg zum Ulog-Damm in der Republika Srpska, dem serbisch dominierten Teil Bosniens, um einiges schwieriger als geplant. Immer wieder endet die Straße abrupt und nur ein Schotterweg führt weiter. Unser kleines Mietauto schafft das nicht. Wir müssen mehrmals ausweichen und unsere Route anpassen. Durch Berge, Täler und an von Kühen blockierten Straßen entlang kommen wir nach acht Stunden Autofahrt endlich am Wasserkraftwerk an.

Der Ulog-Damm liegt so abgelegen, dass die Straße, die zu ihm führt, mehr Kühe als Autos aufweist. Das Dorf Ulog zählt weniger als 20 Einwohner*innen.

Auf das Gelände des Ulog-Damms werden wir zwar nicht gelassen, dafür können wir mit einer direkten Anwohnerin sprechen. Milijana lädt uns zu Kaffee und längst abgelaufenen Jaffa-Keksen in ihre Scheune ein. Sie vermisst das Geräusch der Strömung der Neretva. Der Damm hat einen Stausee entstehen lassen, jetzt fließt in diesem Teil des Flusses nichts mehr. Das Projekt habe die Natur in der Umgebung zerstört, so Milijana.

Außerdem war sie gezwungen, 4000 Quadratmeter ihres Landes zu einem Spottpreis zu verkaufen.

Simon: Die Menschen, mit denen wir bisher in Mostar und Konjic über den Ulog-Damm gesprochen haben, haben uns ähnlich Negatives erzählt.

Milijana: Die sind doch nur neidisch, dass wir den Damm haben und sie nicht.

Wir verabschieden uns von Milijana. Im Mietwagen reflektieren wir über ihre Worte.

Alena: Das macht doch keinen Sinn: Milijana hat sich doch selbst über den Damm beschwert und leidet unter ihm. Mit dem Land, auf dem sie früher Kühe und Hühner hielt, hat sie auch ihre Lebensgrundlage verloren.

Simon: Wieso sollten die Menschen in Mostar und Konjic neidisch auf etwas sein, das niemand von ihnen will?

Auf dem Rückweg wird einiges noch klarer. Wir halten in Kalinovik, einer Ortschaft neben Ulog. Hier haben die Menschen Positiveres über den Damm zu erzählen. Er schaffe Arbeitsplätze, außerdem gebe es jetzt sogar mehr Fische als zuvor, sagt ein Hobbyangler. Wir konfrontieren ihn mit dem Fischsterben, von dem uns Hrabren am Vortag erzählt hat. Das seien alles fabrizierte Geschichten und KI-generierte Bilder, um die Republika Srpska schlecht aussehen zu lassen, gibt er uns zu verstehen. Dass manche Menschen in Kalinovik noch immer davon ausgehen, dass die bosniakisch-kroatische Föderation ihr Gegner ist, merken wir in unseren Gesprächen schnell.

Dabei ist die Desinformation rund um den Staudamm noch ein harmloseres Beispiel. Ratko Mladić, ehemaliger Militärchef der bosnischen Serben, auch “Schlächter vom Balkan” genannt, ist für rund 100.000 Morde allein in Bosnien verantwortlich – unter anderem am Genozid an Bosniak*innen (also bosnischen Muslime) in Srebrenica 1995. Vom internationalen Gerichtshof in Den Haag wurde er für Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, ein Urteil, dass von der Republika Srpska in einem offenen Geschichtsrevisionismus “nicht akzeptiert” wird. Auch hier in Kalinovik wird Mladić durch Monumente und Graffittis abgefeiert.

Der verurteilte Völkermörder und Terrorist Ratko Mladić wurde in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt. In Kalinovik steht über einem Bild von ihm der Schriftzug ,,Stadt der Helden‘‘.

In Sarajevo lassen wir unsere Recherche am nächsten Tag noch von Nermina einordnen, einer Journalistin vom Balkan Investigative Reporting Network (BIRN). Da wir im Vorhinein niemanden erreicht haben, klopfen wir einfach an die Tür der Redaktion und stellen uns vor. Mit Erfolg, denn Nermina und ihre Kolleg*innen haben schon oft zu Korruption und chinesischen Investitionen recherchiert und können uns erklären, wie groß und komplex das Thema ist.

Es gehe hier um den noch immer stark verwurzelten ethnisch-religiösen Sektarismus nach dem Krieg, meint Nermina, es gehe um das chinesische Regierungsprojekt der neuen Seidenstraße, bei dem der Natur nur wenig Gnade zuteil wird, aber vor allem gehe es hier, wie am ganzen Balkan, um undurchsichtige Machenschaften der Mächtigen und deren Korruption.

Unseren letzten Tag verbringen wir in der Hauptstadt Sarajevo

Wir verlassen Bosnien mit dem Gefühl, einen Einblick in ein hochkomplexes Thema bekommen zu haben, das noch viel größer ist als gedacht und am Ende sogar geopolitische Relevanz hat. Mehr dazu lest ihr in unserem Artikel in der Wiener Zeitung!

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Zwischen Postkartenidylle und Großstadtalltag

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Bonjour, Paris!