Zwischen Postkartenidylle und Großstadtalltag

Tag 2:

Einheimische, Künstler:innen, Tourist:innen – im 18. Arrondissement scheint all das auf wenigen Quadratkilometern zusammenzukommen. Den heutigen Tag widme ich deshalb diesem besonderen Arrondissement von Paris – einem Bezirk, der aus verschiedenen Gründen stark im Wandel ist. Bevor ich aufbreche, bereite ich mich auf den Tag vor – zum Glück auch ein bisschen auf Französisch, was mir später noch sehr nützlich sein wird.

Mein Rundgang startet im Viertel La Chapelle. Dort mache ich mir unter anderem ein Bild von den Spuren der Olympischen Spiele 2024 – genauer gesagt von der Arena, die inzwischen als Sport- und Kulturmittelpunkt genutzt wird, und den goldenen Frauenstatuen bekannter französischer Persönlichkeiten entlang der Rue de la Chapelle. Vor allem diese Straße hat in den letzten Jahren eine sichtbare Aufwertung erlebt. Das bestätigen mir auch die Frauen, die ich im lokalen Verein „Vivre au 93 Chapelle“ antreffe. Nachdem ich auf meine schriftlichen Anfragen keine Antwort erhalten habe, suche ich den Verein kurzerhand persönlich auf – zum Glück mit Erfolg. Hier wird auch mein Schul-Französisch zum ersten Mal richtig auf die Probe gestellt, denn mit Englisch komme ich nicht weit.

Die neue Arena

Eine der Statuen in der Rue de la Chapelle

Direkt neben dem Wohnprojekt Chapelle International, das in den vergangenen Jahren auf dem ehemaligen Bahngelände entstanden ist, werden Räumlichkeiten in einem der älteren Wohnhäuser, im Verein liebevoll „notre tour“, also „unser Turm“, genannt, als Treffpunkt für das Quartier genutzt. Die Einrichtung gehört zum Haus, willkommen ist hier aber jeder. Die Idee dahinter: „Un lieu de vie pour les habitants du quartier. Un espace d’accueil, de rencontre et de solidarité.“ (Ein Ort des Zusammenlebens für die Bewohner:innen des Viertels. Ein Ort der Gastfreundschaft, der Begegnung und der Solidarität.) Mit Maryvonne, die schon über 15 Jahre im Verein tätig ist, spreche ich über die Einrichtung, die Aufwertung des Quartiers und die Entwicklungen in den vergangenen Jahren. Besonders interessant: Vieles spielt sich anscheinend direkt im eigenen Quartier, also in der unmittelbaren Nachbarschaft, ab.

Maryvonne in den Räumlichkeiten des Vereins „Vivre au 93 Chapelle“

Ein Treffpunkt im Quartier

Auf meiner Tour durch das Arrondissement geht es weiter durch das Viertel Goutte d’Or, bekannt für seine lebendige und multikulturelle Atmosphäre, die ich auch selbst sofort spüre, und anschließend Richtung Montmartre. Dabei zeigt sich schnell, wie unterschiedlich die Viertel des 18. Arrondissements sind. Sobald ich mich auf den Weg zum Montmartre-Hügel und zur Sacré-Cœur mache, übernehmen die Tourist:innen die Oberhand – an diesem Tag bleibt der Andrang allerdings überschaubar, vermutlich auch aufgrund der mittlerweile 38 Grad Außentemperatur. Ich treffe auf eine Studentin, die eine Zeit lang in Paris gewohnt hat, touristische Orte wie Montmartre aber eigentlich eher gemieden hat. Heute hat es sie ausnahmsweise für ein Kunstprojekt hierher verschlagen.

Blick vom Montmartre-Hügel über Paris

Sacré-Cœur

Am Place du Tertre, im Herzen des Künstlerviertels Montmartre, angekommen, führe ich meine Gespräche mit Einheimischen weiter – mit Menschen, die hier in der Gastronomie arbeiten, wo andere Urlaub machen, und mit der deutsch-österreichischen Künstlerin Viola Schiviz, die seit 36 Jahren in Paris wohnt und am Place du Tertre einen der begehrten Plätze für Künstler:innen ergattert hat. Sie erzählt mir vom Arbeiten und Leben in Montmartre und davon, wie glücklich sie sich schätzt, in diesem Viertel zuhause zu sein.

Künstlerin Viola Schiviz am Place du Tertre

Auch mit anderen Passant:innen spreche ich über die Tourismusströme und die Veränderungen im Viertel. Die Einschätzungen fallen unterschiedlich aus. Einen Punkt, den ich dabei selbst beobachte: Sobald man sich ein Stück von den bekannten Straßen und Sehenswürdigkeiten entfernt, wird es deutlich ruhiger und – wie mir auch die Einheimischen erzählen – familiärer.

Nach den vielen Gesprächen, fast ausschließlich auf Französisch, raucht mein Kopf und ich frage mich, ob sich meine heutigen Eindrücke wohl auch in anderen Bezirken wiederfinden werden. Das 18. Arrondissement hat sich auf jeden Fall noch vielseitiger gezeigt, als ich es erwartet hätte: als Bezirk zwischen Aufwertung, lokalen Treffpunkten, touristischen Hotspots und ganz alltäglichem Quartiersleben. Und ich bin am Ende des Tages vor allem froh, dass ich mit meinem Französisch tatsächlich so gut durchgekommen bin…

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