Tag 1: Details mit viel Wirkung

Von Milena Österreicher

Dänemark gehört bei der Digitalisierung seit Jahren zur europäischen Spitzengruppe: Im letzten Digital Economy und Society Index 2022 lag das Land auf Platz zwei in der EU. Behördenpost und viele Verwaltungswege sind für Bürgerinnen und Bürger standardmäßig digital. Die digitale Kompetenz in der Bevölkerung ist hoch.

Zugleich zählt Dänemark auch bei der Gleichstellung von Frauen und Männern im europäischen Vergleich zur Spitzengruppe. Im Gender Equality Index 2025 liegt das Land auf Platz drei der EU.

Umso mehr überraschte mich, dass Frauen hier in technischen Zukunftsberufen noch immer deutlich unterrepräsentiert sind – selbst in einem Land, das bei Gleichstellung und Digitalisierung vergleichsweise weit vorne liegt. Nur etwa jede fünfte ICT(Informations- und Kommunikationstechnologie)-Fachkraft ist eine Frau. EU-weit ist der Anteil ähnlich niedrig.

Ich begebe mich deshalb diese Woche auf die Suche nach Antworten: Warum ist das auch in Dänemark so? Was wird unternommen, damit mehr Frauen und Menschen mit verschiedenem Background in diese Zukunftsberufe kommen – und dort auch bleiben?

Mein erster Recherchetag führte mich an die IT-Universität Kopenhagen. Hier gibt es eine große Palette an ICT-Fächern: Data Science, Software Design, Computer Science, Digital Innovation and Management.

Die 1999 gegründete IT-Universität Kopenhagen entstand in einer Zeit, als Dänemark gezielt mehr IT-Fachkräfte ausbilden wollte.

Hier treffe ich Claus Brabrand zu einem ausführlichen Gespräch. Brabrand ist Professor für Computing Education und leitet das Center for Computing Education Research an der IT-Universität Kopenhagen. Er forscht unter anderem zu Informatikdidaktik, KI in der Bildung und Diversität in technischen Studiengängen.

Für Brabrand ist klar: Mehr Frauen in Tech ist nicht nur eine Frage der Gleichstellung. Unternehmen brauchen zusätzliche Talente, Frauen sollen Zugang zu gut bezahlten und einflussreichen Berufen haben und Produkte werden besser, wenn unterschiedliche Perspektiven in ihre Entwicklung einfließen. Zudem werden in Dänemark bis 2030 an die 22.000 ICT-Fachkräfte fehlen, erzählt der Professor.

Mit seinem Forschungsteam hat Brabrand in den vergangenen Jahren einige Studien dazu durchgeführt, wie Informatik vermittelt wird und wer sich davon angesprochen fühlt.

Für eine Studie wurden etwa rund 500 dänischen Schülerinnen und Schüler jeweils zwei Varianten derselben informatischen Aufgabe präsentiert. Technisch waren sie identisch. Lediglich der Kontext änderte sich: In einer Variante ging es beispielsweise darum, Menschen passend zu einem Team zusammenzustellen, in der anderen um die Zusammenstellung von Maschinenteilen.

Das Ergebnis war deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen die auf Menschen bezogene Aufgabe bevorzugten, war fast dreimal so hoch wie bei Jungen. Besonders ausgeprägt war dieser Unterschied bei Jugendlichen, die noch keine Erfahrung mit Programmieren hatten.

Claus Brabrand leitet das Center for Computing Education Research an der IT-Universität Kopenhagen.

Eine weitere Untersuchung mit 822 Kindern zeigt, dass solche Unterschiede offenbar früh entstehen: In der zweiten Klasse waren sie kaum vorhanden, ab der fünften Klasse wurden sie sichtbar und später stärker. Auch in untersuchten Lehrmaterialien fanden Brabrand und sein Team deutlich mehr männliche Namen, Pronomen und Vorbilder.

Brabrand will daraus aber keine einfachen Aussagen wie „Frauen interessieren sich für Menschen, Männer für Technik“ ableiten. Sein Punkt ist: Beispiele, Bilder und Vorerfahrungen können mitentscheiden, wer glaubt, in der Welt der Technik richtig zu sein. Und das kann durch minimale Änderungen gefördert werden, wie eben eine Aufgabe menschenzentrierter zu formulieren. Das habe nachweislich auch keinen negativen Effekt auf die männlichen Studierenden, sagt Brabrand.

Eine Patentlösung für mehr Frauen in ICT sieht er dennoch nicht. Er verweist auf eine ganze Reihe von Faktoren – eben von der Ansprache potenzieller Studentinnen über Unterricht und Vorerfahrungen bis hin zur Kultur in Studiengängen und später am Arbeitsplatz. Damit werde ich mich in den nächsten Tagen hier weiter beschäftigen.

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