Goededag Antwerpen! Zwischen Diamanten und diskriminierenden Algorithmen
Hallo Antwerpen! Nachdem ich bereits am Wochenende in Belgien angekommen bin, konnte ich am Montag gut vorbereitet und entspannt in meinen ersten eurotours-Recherchetag starten. Denn es ging gleich zu Mittag vom Brüsseler Hauptbahnhof, dem „Gare Centrale“, für ein Interview nach Antwerpen. Hier habe ich mich mit Manon Reusens, Research Manager am Antwerp Center on Responsible AI (ACRAI), getroffen, um über Gender Bias und Diskriminierung durch KI-Systeme zu sprechen.
Künstliche Intelligenz ist mittlerweile ein fester Teil unseres Alltags geworden. Fast jede Person, die ich kenne, nutzt Tools wie ChatGPT, Gemini oder Copilot, und sei es nur, um Familienfotos zu bearbeiten. Shoutout an dich, Tante Nine! Was dabei oft untergeht, ist das kritische Hinterfragen dieser Systeme und ihrer Funktionsweisen. Denn wie KI zu ihren Ergebnissen kommt, ist für Nutzer:innen oft nicht transparent. Gleichzeitig können Algorithmen gesellschaftliche Vorurteile reproduzieren oder sogar verstärken. Mit genau diesem „Bias“- und “Fairness”-Problem beschäftigt sich Manon Reusens in ihrer Forschung.
Bahnhof in Antwerpen
Die 45-minütige Zugfahrt war unkompliziert und ich habe sie genutzt, um mich noch auf das Gespräch mit der KI-Expertin vorzubereiten. In Antwerpen angekommen, hätte ich fast auf die harte Tour zu spüren bekommen, wie sich Brüssel von Flandern unterscheidet: viel mehr Radfahrer:innen ohne Rücksicht auf Verluste – Amsterdam, is it you?? Auf dem Weg vom architektonisch sehr beeindruckenden Bahnhof in Richtung Universität Antwerpen wurde ich fast zweimal von Rädern mitgenommen. Das konnte meine Laune aber nicht trüben, weil im Gegensatz zu Brüssel endlich mal die Sonne schien. Zu Fuß unterwegs bin ich die „De Keyserlei“, eine bekannte Einkaufsstraße nahe des berühmt-berüchtigten Diamantenviertels, in Richtung Uni-Gegend marschiert. Dass die Stadt als eine der wichtigsten Diamantenmetropolen der Welt gilt, ist hier kaum zu übersehen: Dutzende Aushängeschilder mit „Best Diamonds“-Aufschrift und Vitrinen, gefüllt mit funkelnden Schmuckstücken, reihen sich aneinander. Nach und nach wurden die Straßen zu kleinen Gässchen, die mich letztendlich zur Business-Fakultät der wunderschönen „Universiteit Antwerpen“ führten.
Schmuckgeschäfte in der “De Keyserlei”
In einem unerwartet modernen Besprechungszimmer traf ich Manon Reusens. Während unseres Gesprächs ging es vor allem um eine zentrale Frage: Was passiert, wenn KI nicht nur unsere gesellschaftlichen Vorurteile übernimmt, sondern diese auch noch verstärkt und etabliert? Das Problem ist, dass KI-Systeme mit riesigen Datenmengen trainiert werden, die wiederum von Menschen geschaffen wurden. Darin stecken zwangsläufig auch vorherrschende gesellschaftliche Stereotype und Ungleichheiten, die dazu führen können, dass KI-Systeme zum Beispiel weibliche und männliche Nutzer:innen unterschiedlich behandeln oder bestehende Rollenbilder reproduzieren. Besonders spannend fand ich dabei den Aspekt, dass KI gesellschaftliche Stereotype nicht nur widerspiegeln, sondern durch ihre Ergebnisse wiederum verstärken kann. Diese Ergebnisse fließen dann zurück in unsere Gesellschaft und können irgendwann erneut Teil jener Daten werden, mit denen zukünftige Systeme trainiert werden.
Universität Antwerpen
Ganz machtlos sind wir aber nicht. Um Bias möglichst früh entgegenzuwirken, können beispielsweise Trainingsdaten überprüft und angepasst, Systeme gezielt auf unterschiedliche Formen von Bias getestet und entsprechende Gegenmaßnahmen bereits bei der Entwicklung berücksichtigt werden. Komplett vorurteilsfreie KI zu schaffen, ist allerdings kompliziert, denn es muss zuerst einmal entschieden werden, was „faire“ oder „verantwortungsvolle“ KI überhaupt ist.
Nach einem knapp einstündigen Gespräch mit Manon Reusens, das mir viele Dinge noch einmal verständlicher gemacht hat, ging es für mich zurück nach Brüssel. Dort habe ich den restlichen Tag genutzt, um mich auf das nächste Interview vorzubereiten. So viel verrate ich: Es findet im EU-Parlament mit der jüngsten Europaabgeordneten statt. Ich bin schon sehr gespannt. Bis bald!