Tag 2: Wie krank macht das Stahlwerk?
Heute liegt ein langer Tag vor mir. Zuerst führe ich hintereinander zwei Interviews mit Epidemiologen, die über die Jahre verschiedene Studien zur gesundheitlichen Situation in Taranto und vor allem im Viertel Tamburi herausgebracht haben. Genauer gesagt geht es um den Zusammenhang zwischen Emissionen des ILVA-Stahlwerks und Krankheiten. Es zeigt sich ganz klar: Die Sterblichkeitsrate in Taranto liegt über dem regionalen Durchschnitt. Und es gibt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie für Atemwegserkrankungen. Die beiden Forschenden lassen keine Zweifel daran, dass ILVA erheblich für gesundheitliche Schäden verantwortlich ist.
Anschließend besuche ich Tonia, die seit 30 Jahren in den „Case Parcheggio“ wohnt, einer Siedlung direkt neben dem Stahlwerk. Sie ist ein Symbol für extremes städtebauliches und soziales Versagen: Ursprünglich sollten dort im Jahr 1980 500 Familien aus der baufälligen Altstadt bis zu maximal einem Jahr untergebracht werden, nämlich bis Sozialwohnungen fertiggebaut wären. Das ist jedoch nie passiert. Die Siedlung ist über die Jahre ein sozialer Brennpunkt geworden. Drogenhandel und Bandenkriminalität stehen immer wieder an der Tagesordnung.
Die „Case Parcheggio“ sind von Umwelt-und Gesundheitsproblemen geprägt
Wegen der hastig hochgezogenen Gebäude unter Verwendung von Asbestplatten – und wegen der Nähe zum Stahlwerk – leiden viele Bewohnerinnen und Bewohner an Krebs. Auch Tonia ist an Darmkrebs erkrankt. „Wenn man morgens aufsteht, riecht es manchmal nach Gas oder Müll. Ich bin überzeugt, dass meine Krankheit von hier kommt“, erzählt sie. Doch sie ist eine regelrechte Kämpfernatur und überzeugt davon, dass sie wieder gesund wird.
Tonia ist überzeugt, dass sie den Krebs besiegen wird
Später führt mein Weg wieder zum Platz, wo auch die Mini Bar liegt, die ich gestern besucht habe. Hier treffe ich den 20-jährigen Simone, der sich als Scout im Viertel engagiert und ein bestehendes Problem anspricht: fehlende beziehungsweise beschädigte öffentliche Räume für Kinder und Jugendliche.
Ein Satz, den ich heute und gestern jedenfalls oft höre, ist: „Die Politikerinnen und Politiker interessieren sich nur für Tamburi, wenn Wahlen sind. Ansonsten kommen sie nicht vorbei.“
Simone wünscht sich, dass der jungen Generation mehr zugehört wird