Tag 2: „Putin nutzt den Unmut der Russisch-Letten aus“

„Ich bin orthodox – da gehe ich für meine Gottesmessen hin“, sagt Aleksejs Vasiļjevs und deutet auf eine weiße Kirche. Eine blaue Zwiebelkuppel ragt in die Höhe. Jemand kehrt mit einem Besen die Blätter vom Asphalt neben der kleinen Kapelle. Hier im Schatten der Kirche und herbstlich gelb gefärbter Bäume führe ich mein Interview mit Vasiļjevs.

„Sdrastwujte“ (russisch für „Guten Tag“), rollt ihm immer wieder über seine Lippen, wenn Stadtbewohner von Daugavpils an uns vorbeigehen. Rund die Hälfte der zweitgrößten Stadt Lettlands sind russischsprachig – kein Wort lettisch habe ich heute gehört. Vasiļjevs ist hier Stellvertreter des Bürgermeisters, kennt hier viele. Und er sagt viele hätten Angst. Von „Russofobie“ spricht er: „Die Feindseligkeiten sind seit Beginn des Ukraine-Krieges wahnsinnig angestiegen. Wir haben das Gefühl, dass alles Russische zerstört werden soll. Viele fühlen sich erniedrigt.“ Seine Stimme wird rauer, seine Augenbrauen enger.

Aleksejs Vasiļjevs und seine Kirche

Lettland wird von Russland bedroht – nationalistische Kräfte stellten die russische Minderheit unter Generalverdacht eine „fünfte Kolonne“ Putins zu sein. Die rechtskonservative „Nationale Allianz“, die Teil der Regierungskoalition ist, war der treibende Motor hinter einer Reihe an Gesetzen, die Russisch aus dem öffentlichen Leben zurückdrängen sollen: Der einst zweisprachige Unterricht wurde rein auf Lettisch umgestellt und öffentlich-rechtliche Programme in russischer Sprache eingestampft.

„Putin nutzt den Unmut aus“, sagt Vasiļjevs dann und erzählt, es gebe durchaus Sympathien für den Kreml unter Lettlands Russen: „Wenn es zum Krieg kommen sollte, weiß ich nicht, wie sich Teile der russischen Bevölkerung verhalten würden.“

Hinterhofromantik in Daugavpils: Rund 50 Prozent der Stadt sind Russinnen und Russen, rund 20 Prozent Lettinnen und Letten und die restlichen 30 Prozent andere Minderheiten wie Ukrainerinnen und Ukrainer, Polinnen und Polen oder Deutsche.

Auch die Partei, der Vasiļjevs angehört, die sozialdemokratische „Saskaņa“ (lettisch für Harmonie), suchte einst Kontakte zum Kreml, unterzeichnete einen 2017 wieder aufgelösten Kooperationsvertrag mit Vladimir Putins Regierungspartei „Einiges Russland“. „Andere Zeiten, andere Politik“, sagt Vasiļjevs heute dazu. Ein Marienkäfer krabbelt seinen Trenchcoat hoch.

„Ich verstehe die Regierung nicht, wenn sie mehr den Russischsprachigen entgegenkommen würde, würde sich viel beruhigen“, glaubt er. Der ehemalige Lehrer hat sich eine Zigarette angesteckt. „Ich zitiere die Bibel: Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen“, sagt er im Schatten seiner Kirche.

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