Tag 2: Der Maschendrahtzaun vor meinem Balkon

Manchmal beginnt ein Recherchetag mit einem Interview. Und manchmal mit einem gemütlichen Frühstück und einem Gespräch mit dem Vermieter: Stig erzählt mir von Dänemark, Randers und vor allem Aarhus. Eine schöne Stadt, sagt er, in die sie mindestens einmal pro Woche fahren. In Randers selbst tue sich dagegen nicht ganz so viel. Ein paar Worte Deutsch kann Stig übrigens auch - und in Österreich war er natürlich ebenfalls schon. Zum Skifahren. Wo sonst?

Start your day right ;-)

Damit liefert er mir eigentlich schon einen ziemlich guten Einstieg in eines der Themen, das mich an diesem Tag noch öfter beschäftigen wird: Randers ist nett und lebenswert. Aber wenn es um die große Stadt nebenan geht, ist Aarhus schwer zu ignorieren.

Mein ursprünglicher Aufhänger für Randers war allerdings ein anderer: In China sollte eine Kopie von Randers entstehen - ähnlich wie es mit Hallstatt passiert ist. Perfekt also für meine Recherche aus dem Salzkammergut. Nur: Das Projekt ist mittlerweile abgesagt. Warum genau? Das versuche ich noch herauszufinden. Recherche wäre schließlich langweilig, wenn alles so käme wie geplant.

Unternehmen gesucht - Fachkräfte gleich mit

Am Vormittag treffe ich Jens Kristensen von Business Randers. Die wichtigste Erkenntnis: Randers braucht neue Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte - nur bedingt das eine das andere. Unternehmen kommen dorthin, wo sie Fachkräfte finden. Fachkräfte wiederum dorthin, wo es interessante Jobs gibt. Ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Jens Kristensen, Direktor von Business Randers

Und einiges kommt mir ziemlich bekannt vor: Junge Menschen gehen zum Studieren in größere Städte und kommen nicht unbedingt zurück. Unternehmen suchen Fachkräfte. Die Stadt überlegt, wie sie für junge Menschen attraktiver werden kann. Randers liegt zwar rund 1.200 Kilometer vom Salzkammergut entfernt - allerdings könnte man bei manchen Problemen meinen, ich wäre gar nicht so weit gereist.

Bürgermeisterin Rosa Lykke Yde zeigt mir das Projekt “Flodbyen”

Am Nachmittag treffe ich Bürgermeisterin Rosa Lykke Yde und Malene Lauge Nielsen beim Stadtentwicklungsprojekt Flodbyen, der „Flussstadt“. Wo heute noch Industrieflächen liegen, soll in den kommenden Jahrzehnten ein neuer Stadtteil am Wasser entstehen - mit (leistbaren) Wohnungen, Grünflächen und öffentlich zugänglichen Ufern. Besonders spannend: Hochwasserschutz wird hier nicht als notwendiges Übel dazugestellt, sondern bildet die Grundlage der Planung. Klimaanpassung, Wohnen, Natur und Lebensqualität sollen zusammengedacht werden.

Der Hafen und die Industrie von Randers wird für “Flodbyen” umgesiedelt.

Denn wenn man Menschen und Fachkräfte nach Randers holen möchte, braucht es nicht nur Arbeitsplätze. Sie müssen hier auch leben wollen.

Zimmer mit … Gefängnisblick

Eine weitere Erkenntnis des Tages hat mit meiner Recherche eher wenig zu tun: Ich habe festgestellt, dass mein Hotel direkt neben dem Gefängnis von Randers liegt.

Von meinem Balkon aus schaue ich auf einen beeindruckend hohen Maschendrahtzaun. Sagen wir so: Es gibt romantischere Aussichten. Und ich hoffe, dass während meines Aufenthalts alle Beteiligten dort bleiben, wo sie hingehören.

Dafür wartet ein paar Schritte weiter eine ausgesprochen positive Überraschung: das Kulturhaus von Randers. Und da können wir uns tatsächlich etwas abschauen.

Die Bibliothek von Randers lädt zum Verweilen ein - würde ich doch nur die dänische Sprache beherrschen…

Die Bibliothek ist riesig, offen und so gemütlich gestaltet, dass man am liebsten bleiben möchte. Überall Sitzmöglichkeiten, Platz zum Lesen und Arbeiten, Getränkeautomaten sowie Bereiche und Spiele für Kinder. Bibliothek bedeutet hier offensichtlich nicht: Buch holen und möglichst schnell wieder verschwinden.

Im ersten Stock befindet sich das Museum Østjylland mit der Geschichte von Randers, im zweiten das Kunstmuseum. Bibliothek, Lokalgeschichte und Kunst unter einem Dach - und das alles bei freiem Eintritt.

Kunst genießen im Kulturhaus Randers

Randers macht es einem leicht

Nach zwei Tagen kann ich eines ziemlich sicher sagen: Randers ist schön. Und vor allem heißt einen die Stadt unglaublich herzlich willkommen. Egal ob Vermieter, Interviewpartnerinnen und Interviewpartner oder Menschen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme – die Freundlichkeit fällt auf.

Eine Tourismusstadt ist Randers allerdings wirklich nicht. Und genau das macht die Stadt für meine Recherche vielleicht interessanter als erwartet.

Denn hier beschäftigen die Menschen viele der Fragen, die wir auch aus dem Salzkammergut kennen: Wie hält man junge Menschen in der Region? Wie bekommt man sie nach Studium und Ausbildung zurück? Wie finden Unternehmen Fachkräfte? Und was muss eine Stadt bieten, damit Menschen nicht nur dort arbeiten, sondern auch dort leben wollen?

Antworten darauf habe ich noch nicht.

Morgen treffe ich mit Magnus Vinther von Conmedia einen jungen Unternehmer in Randers – und danach geht es weiter nach Kopenhagen.

Vielleicht weiß er ja mehr.

Und bis dahin hoffe ich, dass neben meinem Balkon alles ruhig bleibt.

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Tag 2: Hristo Pejkov - der Arzt, der nicht gehen will