Tag 2: Zu Besuch in der nachhaltigsten schwimmenden Nachbarschaft Europas
Der zweite und letzte Tag in Amsterdam beginnt in Schoonschip. Ich treffe mich hier im Norden der Stadt mit Marjan de Blok, Initiatorin und Bewohnerin dieses neuen Wohnviertels. Was es besonders macht: Schoonschip mit seinen 46 Haushalten auf 30 Hausbooten wurde vollständig auf dem Wasser gebaut, im Johan-van-Hasseltkanaal. Marjan führt mich über die Stege der schwimmenden Siedlung. Sie dienen als Terrassen, gemeinsame Treffpunkte, Straßen. Die Häuser, die alle von den Bewohnern selbst gestaltet wurden, sind so schön, dass ich am liebsten selbst dort einziehen würde. Leicht spürt man bei Wellengang den Boden wackeln, in Marjans Küche ist das Licht durch die Wasserreflexion besonders schön, an ihrer Terrasse schwimmen Schwäne vorbei - fast schon zu kitschig ist das alles. Ein paar Bewohner haben ihre Schlafzimmer sogar ein paar Meter unter Wasser. Für mich klingt das zwar leicht beklemmend - aber sie hätten es sich gemütlich eingerichtet, erzählt die zweifache Mutter.
Kurz: Ein richtiges Paradies ist es hier. Dafür hat Marjan auch lange gekämpft. Sie erzählt von den vielen Hürden: von Bürokratie, Genehmigungen, der Suche nach dem richtigen Standort. Und von ihren Versuchen, so nachhaltig und energieeffizient wie möglich zu leben – mit Sonnenkollektoren, Wärmepumpen, Regenwasserauffangsystemen und einem gemeinsamen Smartgrid, einem intelligenten Energienetz. Schoonschip hat sich nämlich auch auf die Fahnen geschrieben, die nachhaltigste schwimmende Siedlung Europas zu sein.
Manchmal werde Schoonschip von besuchenden Journalisten als die Lösung für die Wohnungskrise oder den steigenden Meeresspiegel verkauft, erzählt Marjan. Und ja, auch sie sieht im Wasser eine wichtige, wachsende Chance für den niederländischen Wohnraummangel. Vor allem aber sei Schoonschip ein Vorbild dafür, wie gemeinsames Zusammenleben funktionieren kann. Es sei eine große Community, sagt sie: Man kennt und hilft einander, Kinder wachsen auf wie in einer großen Familie – nichts von der Anonymität in einer Großstadt. Das spüre ich schon während meines kurzen Aufenthalts.
Am Nachmittag spreche ich mit Ernst-Jan Kuiper, Klimaforscher bei der Umweltorganisation Milieudefensie. Es geht um CO2-Abscheidung (CCS) und das Projekt Porthos im Hafen von Rotterdam. Überraschend: Er sieht CCS – wie viele Vertreter von Umweltorganisationen – nicht nur negativ. Die Technologie sei inzwischen notwendig, weil so lange damit gewartet wurde, überhaupt nennenswerte Klimamaßnahmen zu ergreifen. “Inzwischen führt kein Weg mehr daran vorbei”, sagt er. Aber das Potenzial werde häufig überschätzt, wie Studien zeigten. Problematisch werde es vor allem dann, wenn CCS nicht in „hard-to-abate"-Industriezweigen zum Einsatz komme, sondern etwa in Raffinerien – die CO2 einlagern dürfen, obwohl Infrastruktur und Kosten dafür vom Staat getragen werden.
Danach fahre ich nach Ijburg, einen neu entstandenen Stadtteil im Osten Amsterdams – mehrere künstlich aufgespülte Inseln. Interessant ist er vor allem, weil direkt nebenan noch etwas viel Größeres entstehen könnte: Ijstad, eine komplett neue Stadt für mehrere Zehntausend Wohnungen, geplant zwischen Amsterdam und Almere. Heute ist dort Wasser. Noch ist Ijstad nämlich nicht mehr als ein Konzept – aber eines, das zeigt, wie ernst die Niederlande das Wohnen auf dem Wasser als Antwort auf die Wohnungskrise inzwischen nehmen.