Tag 1: Unabhängigkeitstag in Malta

Mein erster Tag auf Eurotours ist ein Festtag. Am 21. September feiert Malta seine erst 1964 von Großbritannien erlangte Unabhängigkeit. Pünktlich um 9 Uhr in der Früh beginnt in der Hauptstadt Valletta die militärische Parade vor dem Parlamentsgebäude, eine Musikkapelle schreitet den kurzen Weg bis zur St. Johns Cathedral, der wichtigsten Kirche des Landes, in der die Festtagsmesse stattfindet. Einige Minister und die Präsidentin Myriam Spiteri Debono werden in einem schwarzen BMW vorgefahren, die maltesische Hymne ertönt, die Stimmung ist bedeutungsschwanger. Alle wirken zufrieden, alles ist nach Plan gelaufen. Gleichzeitig merkt man, dass Malta ein kleines Land ist, dessen Paraden doch recht niedlich wirken im Vergleich zu dem, was man von ernstzunehmenden Militärmächten kennt (gemeint ist nicht Österreich). Einige Soldaten sind augenscheinlich bemüht, nervös fast, wie sie in kleinen Schritten nach rechts und links trippeln. Auch sind nicht alle im Gleichschritt, aber den Touristen ist es egal, sie fotografieren begeistert um die Wette.

Maltas Geschichte ist an Episoden der Abhängigkeiten reich. Die kleine Mittelmeerinsel war ob seiner günstigen Lage zwischen Europa und Afrika stets von großer strategischer Bedeutung. Das historische Erbe verschiedener Fremdherrschaften ist bis heute spürbar, eine Mischung aus italienischen, arabischen und britischen Einflüssen prägt die Kultur des Landes. Das zeigt sich vor allem an der Sprache, sie klingt wie eine abenteuerliche Mischung von Lauten, die sich im Ohr nicht wirklich harmonisch zusammenfügen wollen.

Mit seinem Beitritt zur Europäischen Union 2004 hat Malta ein neues politisches Kapitel begonnen. Allerdings ist der Staat in vielerlei Hinsicht diesmal seinen eigenen Weg gegangen, vor allem hinsichtlich seines wirtschaftlichen Systems. Malta ist das kleinste Mitglied der EU, und eines der reichsten. Dabei gibt es kaum nennenswerte Landwirtschaft, auch der Industriesektor spielt nur eine Nebenrolle, Haupteinkommensquelle ist der Tourismus. Das ist in Valletta auch sehr deutlich spürbar, die barocke Stadt scheint mittlerweile quasi ausschließlich auf Touristen zugerichtet zu sein. Offiziell leben hier nur etwas mehr als 5000 Einwohner, gleichzeitig besuchen über vier Millionen Touristen jährlich die Stadt.

Vor allem aber gilt der Inselstaat für einige Branchen als Steuerparadies. Das lockt viele Investoren an, über 30 Prozent der Bewohner Maltas sind ausländische Staatsbürger. Das ist kein Zufall, sondern politisches Kalkül. Sogar in meinem Hotel liegt eine Tourismusbroschüre auf dem Nachttisch, in der neben einigen Sightseeing-Tips auch aktiv dafür geworben wird, ein eigenes Business auf der Insel zu gründen. Das sei sehr einfach, wird betont, in sieben Schritten wird einem der Weg zur eigenen Firma quasi idiotensicher erklärt.

Aber warum hat Malta so eine Sonderstellung? Die Gründe dafür sind vielseitig. In den nächsten Tagen hoffe ich, von einigen Interviewpartnern mehr darüber zu erfahren. Vor allem interessiert mich aber eines: Vor neun Jahren wurde die maltesische Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe ermordet, vor nicht einmal drei Wochen erst ist der Prozess gegen den vermeintlichen Auftraggeber Yorgen Fenech zu Ende gegangen. Der Geschäftsmann wurde freigesprochen, obwohl viele Beobachter des Falls nach wie vor von seiner Schuld überzeugt sind. Caruana Galizia hatte indessen genau über die Schattenseiten des wirtschaftspolitischen Systems auf Malta berichtet, über geheime Offshore-Konten von Regierungsmitgliedern und Korruption. Ist Kritik an diesem System überhaupt möglich, ohne sich dadurch große Feinde zu machen? Sollte die EU auch in Hinblick auf die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftsstandortes ernsthaft um die Pressefreiheit in Malta besorgt sein?

Zurück in die Kathedrale zur Messe. In seiner Predigt anlässlich des Unabhängigkeitstages spricht der Erzbischof Charles Scicluna warnende Worte. Er betont, dass inoffizielle Netzwerke eine Gefahr für demokratische Institutionen darstellen und Korruption begünstigen würden. Wenn sogar ein so hoher Vertreter der katholischen Kirche vor den Gefahren institutioneller Intransparenz warnt, dann muss wahrlich etwas faul sein im Staate Malta.

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