Tag 2: Ein Investigativjournalist im iGaming-Hotspot

Mein zweiter Tag führt mich nach St. Julian’s. Während Valletta eine vom Malteserorden erbaute Festung aus dem 16. Jahrhundert mit vielen barocken Kirchen und Palästen ist, ist St. Julian’s ein architektonisches Missgeschick. Moderne Hotelkomplexe, „Gentlemen’s Clubs“ und Spielhallen reihen sich hier aneinander, ein gepimpter Mercedes mit Heck-Spoiler beschleunigt in einer 50 Meter langen Seitengasse. Abends wird dieser Ort zur Ausgehmeile. Außerdem ist das ein Hotspot der iGaming-Branche, Tipico hat hier seine Konzernzentrale, die Betsson Group sitzt in der Nachbarstadt.

Ein paar Gassen abseits des größten Gewusels treffe ich in der Lobby eines 5-Sterne-Hotels Manuel Delia. Er ist Investigativjournalist, Mitgründer der zivilgesellschaftlichen Organisation „Repubblika“ und führt einen eigenen Blog. Vor allem begleitet er von Anfang an die Geschehnisse nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia und kennt den Fall wie kaum ein Zweiter. Der Freispruch des vermeintlichen Auftraggebers Yorgen Fenech macht ihn genauso perplex wie zahlreiche andere Beobachter, darunter auch Politiker, mit denen er sonst selten einer Meinung ist wie der aktuelle Premierminister Robert Abela.

Laut Delia sei die Beweislage eindeutig, die Staatsanwaltschaft habe gute Arbeit geleistet und einen starken Fall präsentiert. Die Schuld Fenechs steht für ihn außer Frage. Warum die Jury mit einer Mehrheit von 8:1 Stimmen sich trotzdem gegen eine Verurteilung ausgesprochen hat, kann er nicht nachvollziehen. Ihre Entscheidung muss sie im maltesischen Rechtssystem nicht begründen. Ob Mitglieder der Jury von außen eingeschüchtert oder bestochen wurden, ließe sich nicht sagen und bleibt reine Spekulation.

Die Staatsanwaltschaft hat nur wenige Minuten vor unserem Gespräch offiziell Berufung gegen das Urteil eingelegt, ob das Verfahren noch einmal neu eröffnet werden kann, ist aber noch ungewiss.

Dass Fenech, einer der reichsten und mächtigsten Männer des Landes, mit dem Mord an einer seiner Kritikerinnen ungescholten davonkommen könnte, nähre nicht nur das öffentliche Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen, es bedeute auch nichts Gutes für die Sicherheit von Journalisten, so Delia. Er selbst habe das Land zwischenzeitlich verlassen müssen, weil er um sein eigenes Wohlergehen und das seiner Familie besorgt war.

Delila nimmt sich Zeit, das Interview dauert über eine Stunde. Dass das Thema auch im europäischen Ausland wahrgenommen wird, scheint ihm wichtig zu sein. Erst vor wenigen Tagen schrieb er zusammen mit dem niederländischen Politiker Pieter Omtzigt einen Artikel im „Guradian“, in dem er die Bedeutung der Daphne-Affäre für ganz Europa hervorhebt. Auch in unserem Gespräch betont er das.

Im Anschluss hat Delia noch einen weiteren Termin. Der Journalist ist augenscheinlich ein vielgefragter Mann dieser Tage. Er wird es wohl noch einige Zeit bleiben.

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