Tag 3: Rather hungry & free than well fed & oppressed
Mein dritter Tag beginnt regnerisch. Ich fahre an die Universität Malta, der Campus ist groß und grün, wenn auch etwas verwirrend gestaltet. Viele verschiedene Fakultäten stehen hier nebeneinander. Insgesamt ist das Gelände noch recht leer, das Semester beginnt erst nächste Woche. Allerdings ist an einer Mauer eine Wandmalerei angebracht: Eine Frau sitzt an einer Schreibmaschine, auf dem beschriebenen Blatt Papier steht: „I’d rather be hungry & free than well fed & oppressed“. Die Gesichtszüge der Frau sehen auffällig ähnlich aus wie jene von Daphne Caruana Galizia. Der Fall scheint auch unter Studierenden sehr präsent zu sein.
Hier treffe ich in seinem kleinen Büro Michael Briguglio, er ist Professor für Soziologie und hat sich viel mit Protestkulturen beschäftigt. Auch mit dem Daphne-Mord hat er sich eingehend auseinandergesetzt. Nach dem Tod der Journalistin ebenso wie nach dem jüngsten Freispruch von Yorgen Fenech kam es zu Demonstrationen, viele Menschen gingen auf die Straße. An der großen gesellschaftlichen Mobilisierung zeigt sich, dass es dabei um mehr als einen Mord geht. Der Fall steht sinnbildlich für alles, was im System falschläuft. Korruption, Intransparenz, Verflechtung von Wirtschaft und Politik.
Der Akademiker Briguglio zeichnet hingegen ein differenziertes Bild, immer wieder betont er, dass die Verhältnisse nicht so eindeutig schwarz und weiß seien, wie sie von verschiedenen Seiten in den Medien häufig dargestellt werden. Die Proteste waren groß, es sei aber nicht „ganz Malta im Aufruhr“, wie von manchen kolportiert, es gebe eine „schweigende Mehrheit“. Auch in der Beurteilung des Prozesses gibt er sich zurückhaltender als mein letzter Interviewpartner, man müsse den weiteren Verlauf abwarten.
Wir sprechen viel über den Boden, der das derzeit aufgeladene gesellschaftliche Klima bereitet hat: das wirtschaftspolitische System. Über Maltas Steuerpolitik, die den Mittelmeerstaat unter anderem für iGaming-Firmen attraktiv macht. Über die sozialen Folgen des dieses Modells, etwa steigende Immobilienpreise und Gentrifizierung. Und über Konflikte mit der EU, die aus dem Sonderweg Maltas resultieren.
Das Gespräch ruft mir in Erinnerung, was man in diesem Land angesichts der englischen Sprache und der pünktlichen Busse beinahe vergessen könnte: Malta ist letztlich doch sehr südeuropäisch. Die Grenzen zwischen Korruption und bürgernaher Demokratie sind manchmal fließend, mit Regeln nimmt man es hier nicht immer ganz so genau und drückt, wenn es sein muss, auch mal beide Augen zu. Das gilt auch für Steuergesetze.
Als ich die Universität verlasse, scheint die Sonne.