Das Kohlekraftwerk Duisburg-Walsum steht direkt am Rhein. Bis auf das elektrische Knacken und Surren des Umspannwerks nebenan, dass den vom Kraftwerk erzeugten Strom ins Netz einspeist, ist es ruhig, fast idyllisch. Ein älterer Mann geht mit seinem Hund Gassi, einmal die Böschung hinab ans Rheinufer. In das Kohlekraftwerk hinein kann ich nicht, hat mir der Betreiber Steag vor der Reise mitgeteilt. Ich wollte es mir trotzdem zumindest von außen ansehen.

Ich spaziere weiter, durch den Duisburger Stadtteil Walsum. Es ist heiß, ich habe Durst. Also gehe ich in einen Kiosk. Dort treffe ich Mert.

In Merts Kiosk hängt hinter der Kassa ein Banner von MSV Duisburg. Der Kioskbesitzer ist ein riesiger Fan der „Zebras“ – den Spitznamen hat das Team wegen ihrer blau-weiß gestreiften Trikots. „Du musst mal mit in die Kurve. Boah, da krieg ich schon Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Mert.

Auf einen Besuch im Fußballstadion hätte ich zwar sehr Lust, aber leider keine Zeit. Ich bin ja zum Arbeiten hier und Arbeiten, das heißt, dass ich zum Strukturwandel in Duisburg recherchiere. Und um den besser zu verstehen, möchte ich mit den Menschen sprechen, die wohl am stärksten betroffen sind: den Arbeitern in der Stahlindustrie.

Um die zu treffen, bin in Merts Kiosk genau am richtigen Ort. Nach wenigen Minuten kommt ein junger Mann herein, begrüßt Mert und kauft ein Red Bull. Er heißt Pascal und war Schweißer bei thyssenkrupp, dem größten deutschen Stahlhersteller und auch dem größten Arbeitgeber in Duisburg. Bis er vor kurzem seinen Job verlor. Vor wenigen Wochen hatte thyssenkrupp angekündigt, 11.000 Arbeitsplätze in der Region abbauen zu wollen, bei 4.000 davon war man schon erfolgreich. Pascal war einer von ihnen. Er hat zwar schnell wieder einen neuen Job gefunden, bei HKM, einem anderen Stahlhersteller in Duisburg. Aber er blickt besorgt in die Zukunft: Auch bei HKM steht eine Kündigungswelle im Raum und Pascal weiß, dass die Neuen wohl zuerst gehen müssen.

Wenig später kommt noch ein junger Mann in den Kiosk. Auch ihn kennt Mert persönlich. Und auch er hat erst vor kurzem seine Arbeit in der Stahlindustrie verloren.

Machen sich diese Unsicherheiten in der Stahlindustrie auch in der Gesellschaft vor Ort bemerkbar, möchte ich von Mert wissen? Es gäbe mehr Streiks als sonst, sagt er. Und: „Man merkt, dass die Menschen nicht mehr viel in der Tasche haben“. Wer gerade seinen Job verloren hat, der kauft weniger ein. Logisch.

Ich möchte noch mehr wissen. Deswegen bietet Mert an, seinen Freund Cengiz anzurufen, der bei thyssenkrupp arbeitet. Er hebt ab und sagt einem Treffen mit mir sofort zu. Er komme gerade von der Arbeit und müsse noch kurz duschen, aber dann können wir uns treffen.

Wenig später sitze ich in einem Uber nach Marxloh. Dort treffe ich Cengiz in einem Park. „Hier habe ich meine Kindheit verbracht”, sagt er. Im Hintergrund ragt das Stahlwerk, in dem er arbeitet, in den Himmel. Wir reden über eine Stunde: Über die Arbeitsbedingen im Werk, die Zukunftsängste der Arbeiter, die notwendige grüne Transformation und über alles andere, was in dem Themenkomplex Strukturwandel in Duisburg sonst noch relevant sein könnte.

In diesem Park habe ich Cengiz getroffen. In dem Stahlwerk dahinter arbeitet er.

Am Ende des Tages habe ich sehr viele spontane Begegnungen hinter mir. Dank ihnen verstehe ich jetzt viel besser, was der Strukturwandel mit den Leuten machen, die in den betroffenen Industrien arbeiten. Die Emotion, die mir am häufigsten in dem Zusammenhang genannt wurde: Angst.

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Tag 3: Sonne, Smørrebrød und sehr viele Fahrräder