Tag 4: „Warum sollen wir gehen? Wir sind hier geboren“

Ich betrete den weitläufigen Asphaltplatz gegenüber einer Schule in Tamburi. Weiter hinten kicken ein paar junge Burschen. Padre Alessandro, Pfarrer der angrenzenden Kirche Santi Angeli Custodi, schüttelt mir lächelnd die Hand. „Freut mich“, sagt er. Unter seiner Leitung ist die Pfarre ein wichtiger Bezugspunkt für Jugendliche und Familien aus dem ganzen Viertel geworden. Vor allem, weil es hier so wenig Möglichkeiten für junge Menschen gibt. Doch eine Fußball- und eine Tanzschule, die mit Geldern aus der italienischen Kirchensteuerregelung finanziert werden, bringen wieder Leben nach Tamburi.

Kinder beim Fußballtraining, eines der wenigen Treffpunkte

Und so begleitet mich Padre Alessandro zu einigen jungen Müttern, die ihren Söhnen beim Fußballspielen zusehen.

„Wie ist es, hier zu leben?“, frage ich in die Runde.

„Mir gefällt es nicht wirklich. Was die Verschmutzung betrifft, ist es heute etwas besser. Früher lag auf den Balkonen dieser Mineralstaub. Wenn wir aber über Treffpunkte sprechen, ist es schlechter geworden, weil es hier praktisch nichts gibt“, sagt Michela.

Die Mütter fühlen sich von den Institutionen im Stich gelassen. Sie wünschen sich mehr Arbeitsmöglichkeiten. Und, dass ihre Kinder spazieren gehen und sich dabei sicher fühlen können. Trotzdem sagt Michela mit voller Überzeugung: „Aber wir wollen nicht weg von hier, das ist unser Zuhause, unsere Heimat. Warum sollen wir gehen, anstatt dass die Politik etwas ändert?“

Dasselbe erzählt mir Francesco, der mich durchs Viertel begleitet. „Tamburi geht dir ins Blut über.“ Ein anderer Mann sagt mir: „Leider wurde Tamburi komplett aufgegeben und vergessen. Aber wo sollen wir denn hingehen?“

Diese Frauen wünschen sich eine bessere Zukunft für das Viertel

Die Politik hat Tamburi vielleicht aufgegeben. Aber die Menschen, die hier leben, die wollen kämpfen. Man spürt und merkt es in den Gesprächen, daran, wie offen und hilfsbereit sie gegenüber einer Journalistin sind, die das erste Mal hierherkommt. Daran, wie eng verbunden die Nachbarschaft ist. Und daran, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nie aufgehört haben, daran zu glauben, dass eine bessere Zukunft im Viertel auf sie wartet.

Warum wird Tamburi links liegen gelassen? Genau das möchte ich Piero Bitetti, den Bürgermeister von Taranto fragen. Auf meine Anfrage wegen eines Treffens hat er im Vorfeld leider nicht reagiert. Aber ich werde nicht locker lassen, bis ich Antworten auf meine Fragen bekomme.

Ein Graffiti an einer Schulmauer

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