Tag 4: „Lenin-Statuen wie diese gab es überall“

„Statuen wie diese gab es überall“, sagt Ineta Lansdovne und deutet auf eine metallene Büste des kommunistischen Revolutionärs Wladimir Lenin „sie waren die ersten, die mit der Unabhängigkeit zerstört wurden.“ Wir stehen im „Lettischen Besatzungsmuseum“ – ein grauer Block am Rande der Alstadt. Hier werden Exponate zu den Verbrechen der Sowjetzeit (und der Nazi-Besatzung) ausgestellt.

Lansdovne von der Bildungsabteilung führt mich durch die Gänge. Das knacksende Geräusch von MG-Feuer schallt durch einen Lautsprecher.

Ineta Lansdovne war ein Kind als die UdSSR kollabierte.

Während in manchen postsowjetischen Staaten mit Nostalgie oder Gleichgültigkeit auf die Zeit der omnipräsenten Lenin-Statuen zurückgeblickt wird, haben die baltischen Staaten sich am radikalsten davon distanziert.

Lettland ließ 2022 über 100 sowjetische Denkmäler – die meisten ehrten den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg – abbauen. Unter Entrüstung der russischen Bevölkerung. „Es werden Generationen vergehen, bevor die russischen Einwohner Lettlands den staatlichen Behörden solche Maßnahmen verzeihen können“, sagte der Politiker Miroslavs Mitrofanovs der Kreml-freundlichen „Russisch-Lettischen Union“ – der damals dominanten Minderheitenpartei. Für viele Lettinnen und Letten war es längst überfällig, sie empfanden die Denkmäler als von einer „Besatzungsmacht aufgestempelt“, erzählt Lansdovne.

Das „Besatzungsmuseum“ erhielt damals 52 Fragmente der abgebauten Denkmäler, die heute hauptsächlich in einem Lagerhaus außerhalb Rigas versteckt sind. Ich bin hier, um mehr darüber zu erfahren, warum Lettlands Geschichte noch immer ein Schlachtfeld ist.

Hitler ließ eine eigene lettische Waffen-SS-Division aufstellen.

 Lansdovne bleibt vor einer Wehrmachtuniform stehen. Auf der Kappe prangt ein Hakenkreuz. Lettland wurde dreimal erobert, erzählt sie: „Einmal von Stalin, einmal von Hitler und dann wieder von Stalin.“ Letten kämpften auf beiden Seiten – teils auch unfreiwillig. „Die russischsprachige Bevölkerung diente vermehrt in der Roten Armee“, sagt Lansdovne.

Rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung wurde im Krieg getötet, mehr als 60.000 Lettinnen und Letten ließ Stalin als angebliche „Klassenfeinde“ und „Banditen“ nach Ostrussland, meist nach Sibirien, deportieren. „Das ist immer noch das große nationale Trauma Lettlands“, erzählt die Theologin.

Bis 1991 war Lettland die „Lettische Sozialistische Sowjetrepublik“. Die Lettinnen und Letten sprechen von „Besatzung“ – viele Russinnen und Russen nicht. In der UdSSR vertieften sich die Spannungen: Das Baltikum gilt als einer der reichsten Regionen der Sowjetmacht, Arbeitskräfte strömen hierher. Sie sprechen meist Russisch – die Umgangssprache des multikulturellen Sowjetstaates.

In Riga hört man immer weniger lettische Wortfetzen. Lansdovne bleibt vor einem Straßenschild stehen. Zweisprachig ist die Adresse angeschrieben – in Lettisch und Russisch. „Für meine Großmutter war es immer verstörend, wenn sie in der Straßenbahn nur Russisch gehört hat. Auch wenn sie darüber natürlich nie öffentlich geredet hat.“

„Lenin-Straße“, in Lettisch und Russisch:

1991 stürzt die UdSSR in sich zusammen, dieser Staat, der für seine Bevölkerung so für ewig gebaut gewirkt hatte. Einig wurden sich die lettisch- und russischsprachige Bevölkerung in den 35 Jahren seitdem nicht, wie mit der Vergangenheit umzugehen ist.

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