Tag 3: „In Politik und Wirtschaft gibt es für Russisch-Letten eine Glasdecke“
1991. Die „Lettische Volksfront“ wirbt für die Unabhängigkeit des Landes. Boriss Cilevičs war damals dabei: „Wir hatten die Sowjetunion einfach satt. Dieser Staat, der uns nicht reisen ließ, nicht die Bücher lesen ließ, die wir wollten. Ich wollte nach Frankreich – in das Land von Jules Verne und der drei Musketiere“ Cilevičs sitzt heute in einem kleinen Café vor mir und schlürft einen Espresso. Der Menschenrechtler, selbst aus einer jüdischen, russischsprechenden Familie, ist ein bekannter Fürsprecher der russischen Minderheit.
Hier treffe ich Cilevičs.
Doch ein damaliges Versprechen – ein „Lettland für alle“, auch für die russische Minderheit – sei unerfüllt geblieben, erzählt er.
75 Prozent der Letten – auch Cilevičs – stimmen für die Unabhängigkeit. Lettland verweigerte den in der Sowjetzeit zugezogenen (meist russischsprachigen) Bewohnern die Staatsbürgerschaft – sie können nicht wählen und viele Berufe nicht ausüben. In 35 Jahren erlangen viele die Staatsbürgerschaft, heute sind nur noch rund neun Prozent der Gesamtbevölkerung sogenannte „Nichtbürger“.
Doch noch heute spürt man einen Unterschied, sagt Cilevičs, der eine lange Zeit für die sozialdemokratische Minderheitenpartei „Saskaņas“ tätig war: „In Politik und Wirtschaft gibt es eine Glasdecke.“ In Ministerposten sitzt kein einziger Russe, die Minderheit verdient statistisch gesehen weniger und das strukturschwache Lettgallen, das zu großen Teilen russischsprachig ist, gilt als ärmste Region des Landes. Cilevičs kennt das Gefühl der Glasdecke selbst: „Ich schloss in der UdSSR die Schule mit Auszeichnungen ab, durfte aber als Jude nicht in Leningrad studieren. Mir wurde gesagt: Wir bilden dich top aus, dann desertierst du sowieso in die USA oder Israel und arbeitest für unsere Feinde.“
Cilevičs wurde in Daugavpils (Lettgallen) geboren.
Cilevičs nippt an seinem Espresso. „Lettland ist ein kleines Land“, sagt er „wir brauchen die klügsten Köpfe für den wirtschaftlichen Aufstieg. Stattdessen wird das Potenzial der russischen Bevölkerung nicht voll ausgeschöpft; viele Menschen verlassen das Land.“